RKI-Abschlussbericht: StopptCOVID oder
Gute wissenschaftliche Praxis?

Wirksamkeit und Wirkung von anti-epidemischen Maßnahmen auf die COVID-19-Pandemie in Deutschland
COVID-19
RKI
Author

Gerd Welzl

Published

August 8, 2023

Am 20.07.2023 wurde vom ROBERT KOCH INSTTUT (RKI) ein Abschlussbericht mit dem Titel Wirksamkeit und Wirkung von anti-epidemischen Maßnahmen auf die COVID-19-Pandemie in Deutschland (StopptCOVID-Studie) veröffentlicht. Laut Zusammenfassung bestand das übergeordnete Ziel des Projekts darin, die Evidenzgrundlage für die Beurteilung der Effektivität verschiedener antipandemischer, nicht-pharmazeutischer Maßnahmen (NPI) zu verbessern.

Zur statistischen Analyse der Daten wurden Regressionsmodelle angewandt. Zielvariable (response) ist der sog. effektive Reproduktionswert (R-Wert). Als Einflussvariable wurden verschiedene aus insgesamt 23 antipandemischen Maßnahmen (z.B. Kontakte in privaten Räumen, Grundschulen, Gastronomie usw.) mit unterschiedlichen Stufen der Beschränkung und der Bildung von Maßnahmenscores einbezogen. Zusätzlich wurden noch saisonale Effekte, Impfstatus und Virus-Variante (Wildtyp, Alpha- und Delta-Variante) berücksichigt, wobei letzterer als fixierter Effekt (nicht aus den Daten geschätzt) in das Modell einging.

Das Hauptergebnis der Studie wird folgendermaßen beschrieben:

Die angewandten Regressionsmodelle zeigen, dass die NPI mit einer deutlichen Reduktion der COVID-19 Ausbreitung in Deutschland assoziiert waren, die je nach Strenge der NPI unterschiedlich stark ausgeprägt war. Der Effekt der NPI zeigte sich dabei kurz vor dem Inkrafttreten der jeweiligen Verordnungen. Die naheliegendste Erklärung dafür ist, dass Verhaltensanpassungen in der Bevölkerung bereits vor dem Inkrafttreten der Einschränkungen erfolgten.

Es ist erstaunlich, dass ein derartiges Ergebnis kausale Einflüsse von Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen belegen soll unter Berücksichtigung des zu Grunde gelegten methodische Konzepts.

Es gibt mittlerweile Veröffentlichungen, die eine große Zahl von weiteren Kritikpunkten an dem Abschlussbericht enthalten. (z.B. Was die “StopptCOVID”-Studie des RKI aussagt - und was nicht)

https://www.telepolis.de/features/Was-die-StopptCOVID-Studie-des-RKI-aussagt-und-was-nicht-9234901.html?seite=all

Im zugehörigen 51 seitigen Technischen Report findet sich folgendes Fazit:

Wir empfehlen daher eine Neubearbeitung der Studie auf der Basis der bestehenden Daten (Re-Analyse) durch eine unabhängige Instanz. Darüber hinaus sollten im Sinne guter wissenschaftlicher Praxis (insb. im Hinblick auf Reproduzierbarkeit) die zu Grunde gelegten Daten sowie der Quellcode der Auswertung veröffentlicht werden.

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) veröffentlicht am 9.08 2023 ein Interview mit den Autoren dieses technischen Reports, in dem sie ihre Kritikpunkte wiederholen. Hier die Antwort des RKI auf eine Anfrage der NZZ:

Das RKI weist die Kritik der Wissenschafter auf Anfrage der NZZ zurück. Zwar geht das RKI in der Antwort nicht näher auf die erwähnten paradoxen Ergebnisse ein, antwortet aber schriftlich, es bestünden «keine Anhaltspunkte für einen fachlichen oder wissenschaftlichen Mangel oder einen Zweifel an der Aussagekraft der Ergebnisse». Die «Stoppt-Covid»-Studie arbeite nicht mit positiven Vorfestlegungen, es würden auch negative Ergebnisse dokumentiert. «Für eine eigene Re-Analyse unsererseits besteht kein Anlass», heisst es in der Antwort.

In diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, dass im Abschlussbericht des RKI (p. 13) geschrieben steht:

Datengrundlage war der von Infas zusammengestellte Datensatz, der auf der Corona-Datenplattform öffentlich verfügbar ist

https://www.corona-datenplattform.de//

Beim Anklicken dieses links landet man bei der heathcare daten platform und erhält beim Versuch sich zu registrieren folgende Meldung:

Vielen Dank für Ihr Interesse an den Daten der Corona-Datenplattform der infas 360 GmbH. … Anmeldungen von Privatpersonen müssen wir leider ablehnen und bitten daher freundlich, hiervon abzusehen.

Dieser (freudliche) Ton ist im wissenschaftlichen Umfeld wohl eher ungewöhnlich - eher noch durch kommerzielle Interessen erklärbar (z.B. Premium-Zugang: Ein Datensatz 1-5 User: 1.750,00 €).

Eine Anfrage an das RKI mit einem Hinweis auf diesen Widerspruch blieb unbeantwortet.