Aus der Geschichte lernen?

Wien 1914 - AfD 2024 - Aufstieg der NSDAP / AfD
DEMOK
Author

Gerd Welzl

Published

September 28, 2024

1 Wien 1914


Das Scheitern des Vielvölkerstaates lag aber keineswegs, wie die Alldeutschen triumphierend behaupteten, an der Unzulänglichkeit der Demokratie und des Gleicheitsgrundsatzes, sondern eindeutig an der mangelhaften parlamentarischen Geschäftsordnung. Sie machte die arbeitswillige Mehrheit macht- und hilflos gegenüber terroristisch-radikalen Minderheiten, vor allem der Tschechischen Nationalsozialisten einerseits und den Alldeutschen andererseits.
(Hamann 1998, 188)

Die parlamentarischen Exzesse zogen sich als ständiges öffentliches Ärgerniss hin, bis im März 1914 Ministerpräsident Stürgkh endgültig den Notstandsparagraphen 14 anwendete und das Parlament wegen Arbeitsunfähigkeit nach Hause schickte. Wieder wurde keine grundlegende Reform der Geschäftsordnung versucht. So ging das Vielvölkerreich ohne parlamentarische Mitsprache und Mitverantwortung in der westlichen Reichshälfte in den Ersten Weltkrieg.
(Hamann 1998, 186)


2 Erfurt 2024


Konstituierende Sitzung des Landtags in Thüringen am 26.09.2024 in Erfurt:

Die konstituierende Sitzung eines frisch gewählten Landtags ist normalerweise ein zeremonieller Moment, da werden auch die Vertreter wichtiger Institutionen eingeladen. Am Donnerstag in Erfurt, als es so vollkommen unfeierlich zuging, war auch Klaus von der Weiden im Saal, Präsident des Thüringer Verfassungsgerichtshofs, er saß in Reihe vier. Der höchste Vertreter des Rechts im Land war also zugegen, aber das Recht war trotzdem draußen geblieben. Die AfD, mit mehr als einem Drittel der Sitze stärkste Fraktion im Landtag, nutzte den parlamentarischen Auftakt zum offenen Rechtsbruch.
Anders lässt sich kaum umschreiben, was der AfD-Mann Jürgen Treutler vollführte, der als Alterspräsident die erste Sitzung eigentlich zügig bis zur Wahl des Parlamentspräsidenten hätte leiten sollen. Der 73-jährige Treutler, ganz unverhohlen als Marionette der AfD-Fraktion am Start, verhinderte über Stunden den allerersten Schritt in die Legislaturperiode, einen formalen Akt, der einen Landtag überhaupt erst handlungsfähig macht – die Feststellung der Beschlussfähigkeit. Er ignorierte Anträge von Abgeordneten, er versuchte, seine eigene Agenda durchzuziehen, kurzum: Der Vertreter einer Partei, die sich so gern auf den Willen des Volkes beruft, versuchte mit offener Willkür, diesen als parlamentarische Mehrheit manifestierten Willen des Volkes auszubremsen. […]
https://www.sueddeutsche.de/politik/afd-thueringer-landtag-treutler-hoecke-lux.GudCiHDHG4c9xJRFWPnyw6


3 Schon wieder


Auf den ersten Blick erzählt der Datenjournalist Michael Kreil auf seiner Website Schon wieder – Der Aufstieg der NSDAP/AfD den Werdegang der NSDAP nach, von 1920 bis 1941. Einzelne Schlüsselbegriffe im Text sind braun gefärbt. Was Kreil damit bezweckt, zeigt sich beim Scrollen: Die braunen Schlüsselbegriffe färben sich blau, meist ändert sich auch der Text. Aus dem Parteikürzel NSDAP wird AfD, aus der Überschrift „Der Aufstieg der NSDAP. Ein historischer Rückblick.“ wird „Der Aufstieg der AfD. Ein fiktiver Ausblick.“
Kreil vergleicht die Geschichten der beiden Parteien direkt miteinander und extrapoliert sie für die AfD von deren Anfängen 2013 in eine düstere Zukunftsvision des Jahres 2030. In dieser Vision beginnt dann „die systematische Remigration von Millionen Menschen“ – 1941 hieß es noch Deportation. Bis hin zur vorgezogenen Bundestagswahl 2025 ähnelt der Werdegang der AfD dem der NSDAP frappierend. So zum Beispiel in dem Punkt, dass Friedrich Merz die CDU mit seinen Aussagen weiter nach rechts rückt, wie damals Ludwig Kaas die Zentrumspartei.
https://www.heise.de/select/ct/2025/9/2507916235222550408

Der Aufstieg der NSDAP
Ein historischer Rückblick

Der Aufstieg der AFD
Ein fiktiver Ausblick

Stand: 2025-02-20
Idee, Umsetzung, Text: Michael Kreil
Lizenz: CC BY 4.0 datajournal.org
Code: GitHub

https://datajournal.org/schon-wieder

References

Hamann, Brigitte. 1998. Hitlers Wien. Piper Verlag GmbH, München.