Aus der Geschichte lernen?

Aufstieg der NSDAP / AfD
A-Historie
Author

Gerd Welzl

Published

August 10, 2026

1 Der Aufstieg der NSDAP/AfD im Bayerischen Landtag


1.1 Der Landtag 1924-1928


Zunächst Informationen aus dem Haus der Bayerischen Geschichte. (Bavariathek)

Nach einem Wahlkampf, der vom Hitlerprozess überschattet wurde, ziehen mit den Wahlen vom 6. April 1924 erstmals Nationalsozialisten in den Landtag ein. Sie befinden sich in den Reihen des “Völkischen Blocks”, der aus dem Stand heraus mit 23 Mandaten in den Landtag einzieht. […]
Schon im September 1925 haben die nationalsozialistischen Abgeordneten den “Völkischen Block” verlassen, in dem sie während des NSDAP-Verbots Unterschlupf gefunden hatten, und ihre eigene Fraktion gegründet.[…] Ein weiteres Ziel der bayerischen Innenpolitik bleibt die Zurückdrängung der NSDAP. […] Die NSDAP-Fraktion ist mit zunächst sechs Mitgliedern die kleinste des Landtags und wird von der Regierungsmehrheit - ebenso wie die KPD-Fraktion - von jeglicher Mitwirkung am politischen Entscheidungsprozess ausgeschlossen.
https://www.bavariathek.bayern/medien-themen/portale/geschichte-des-bayerischen-parlaments/landtage-seit-1819/landtag/352.html?tx_parlament_pi4%5Bkategorie%5D=40&cHash=ace406bed824b877724364131f4e84de

Eine detailiertere Darstellung dieser 3. Wahlperiode in der Weimarer Republik (1924 - 1928) und eine etwas andere Wertung der Einflussnahme der NSDAP findet sich in der Biographie über Adolf Wagner von Brigitte Zuber. (Zuber 2023)

Wagner, Buttmann, Streicher, Holzwart[h], Zipfel, Autochauffeur von Nürnberg wurden vom Führer nach Berchtesgaden ins Hotel Krone gebeten, als Nationalsozialisten des Völkischen Blocks. Die Besprechung fand in einem kleinen Zimmer statt. Bei dieser Besprechung wurde die Landtagsfraktion der NSDAP aus der Taufe gehoben.(Zuber 2023, p95)

Ab 1925 bestand die NSDAP-Landtagsfraktion in Bayern aus folgenden Mitgliedern:

  • Dr. Rudolf Buttmann
  • Adolf Wagner
  • Julius Streicher
  • Georg Zipfel
  • Wilhelm Holzwarth
  • Emil Löw.

Adolf Hitler ernannte Dr. Rudolf Buttmann zum Fraktionsführer der Nationalsozialisten im bayrischen Landtag. Er hatte bis zur endgültigen Auflösung der Länderparlamente im Jahre 1933 dieses Amt inne.

Der markanteste Schritt bestand in dem Zusammenschluss von Rudolf Buttmann (NSDAP-Mitglied Nummer 4), Julius Streicher und Wagner. Zwischen diesen drei Abgeordneten kam es zu einer effektiven Arbeitsteilung.[…]
In der ersten Landtagsplenarsitzung nach der Sommerpause 1925 machte die hurz zuvor gegründete NSDAP-Fraktion geradezu symbolhaftvon sich reden. Wagner, Buttmann und Streicher präsentierten ihr Zusammenspiel: Wagner hatte im Zwischenausschuss des Landtags am 25. November 1925 be der Beratung des Vertrags von Locarno ausgerufen: »Ich könnte es verstehen, wenn ein ausgewiesener Elsässer oder Lothringer Stresemann über den Haufen schösse«. Dieser Ausruf wurde von verschiedenen Seiten als Morddrohung gegen Stresemann empfunden und deshalb wurde - als Buttmann in der ersten Plenarsitzung dazu eine Erklärung der NSDAP abgab, erwartet, dass die Fraktion den Vorfall zurechtrücken und sich für die Entgleisung entschuldigen würde. Doch stattdessen setze Buttmann noch eins drauf. (Zuber 2023 p 96,97)

Eine etwas fragwürdige Aussage von Robert Probst betrifft die restlichen Mitglieder der NSDAP-Fraktion:

Robert Probst zählt Zipfel, Emil Löw und Wilhelm Holzwarth zu einer Gruppe von NS-Abgeordneten, denen das „demagogisch-agitatorische Talent“ fehlte und die „durch ihre unbeholfenen Ausführungen den Landtag [oft] zu Lachsalven“ animierten.1

Die Aktivitäten Georg Zipfels hatten offensichtlich nicht nur Lachsalven zur Folge.

Bei der bayerischen Landtagswahl vom April 1924 kandidierte Zipfel für den Völkischen Block. Im April 1925 rückte er für den verstorbenen Ernst Pöhner nach. Als Parlamentarier fiel er vor allem durch zahlreiche Beleidigungen anderer Abgeordneter auf. Ferner beschäftigte der Landtag sich wiederholt mit rhetorischen Angriffen von Zipfel auf Beamte und Privatpersonen sowie mit schriftlichen Angriffen auf dieselben Personengruppen in seinem Kampfblatt Die Flamme.
https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Zipfel_(Politiker)

Den drei Schwergewichten der Fraktion (Dr. Buttmann, Wagner und Streicher) jedenfalls stand noch eine steile Karriere in der NSDAP bevor.

Dr. Buttmann

Dr. Buttmann war von 1933 bis 1945 Mitglied des Reichstages. […] Wider Erwarten erhielt Buttmann nach der Machtübernahme in Bayern kein hohes Regierungsamt; Stattdessen wurde Buttmann als Leiter der kulturpolitischen Abteilung in das Reichsinnenministerium berufen. In den folgenden beiden Jahren setzte er sich vor allem mit den Beziehungen der Hitler-Regierung zum Heiligen Stuhl und dem deutschen Episkopat auseinander. Im Herbst 1935 trat Buttmann auf eigenen Wunsch den Posten des Generaldirektors der Bayerischen Staatsbibliothek an; er kehrte damit in seinen erlernten Beruf, den des wissenschaftlichen Bibliothekars, zurück.
Nach Kriegsende wurde Buttmann interniert; da er schwer erkrankte, erfolgte wenige Wochen vor seinem Tod die Entlassung aus der Haft.
Die Entnazifizierung fand posthum statt. Die Spruchkammer Starnberg stufte ihn im November 1948 in die Gruppe der Belasteten ein, die Berufungskammer für Oberbayern revidierte das Urteil im März 1949 und wies ihn der Gruppe der Minderbelasteten zu.
https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/buttmann-rudolf-122


Zu Julius Streicher nur ein kurzer Wikipedia-Beitrag:

Julius Streicher war ab 1925 NSDAP-Gauleiter von Mittelfranken (1936 umbenannt in Gau Franken).
Er war Gründer, Eigentümer und Herausgeber des antisemitischen politpornografischen Hetzblattes Der Stürmer. Der herausgebende Verlag blieb bis Kriegsende in Streichers Eigentum und machte ihn zum mehrfachen Millionär. Zudem war Streicher 1933 Herausgeber des Nürnberger NS-Parteiorgans Fränkische Tageszeitung.
Streicher gehörte zu den 24 im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg Angeklagten und wurde 1946 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet.
https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Streicher


Zu Adolf Wagner:

Die bereits erwähnte Biografie über Adolf Wagner von Brigitte Zuber zeichnet sehr ausführlich den Weg vom Bergbaustudenten an der RWTH in Aachen (einer seiner Prüfungsprofessor war Johannes Stark (siehe https://notizen-gerd-welzl.netlify.app/posts/post-stark/index.html)) über den Direktor eines Bergbaubetriebs - der Steinkohlengrube »Hans« im oberpfälzischen Erbendorf (von 1919 bis zur Insolvenz 1929) und den Gründer der NSDAP-Ortsgruppe Erbendorf im Jahr 1923, zum bayerischen Landtagsabgeordneten der Jahre 1924 bis 1933 auf. Nachdem vor 1929 noch ein Karrieresprung von der Leitung kleinerer Werke zur Direktion großer Betriebe oder Syndikate im Bereich des Möglichen lag, erfolgte jetzt ein vollständiger Wechsel in die Politik - zur NSDAP. Die folgende steile Karriere sei nur angedeutet: Ernennung zum Gauleiter von Groß-München , Gauwirtschaftsberater, bayerischer Innenminister, Kultusminister, Reichsverteidigungskommissar für die Wehrbezirke München und Nürnberg.

In Traunstein, mitten in der sogenannten ‚Kreistagsfeier‘, deren Modell Wagner mit martialischen Massenaufmärschen als jährliche ‚Bekenntnistage‘ für die NSDAP 1936 eingeführt hatte, traf ihn am 14.6.1942 ein Schlaganfall. Adolf Hitler stellte Wagner seine Leibärzte zur Verfügung, erfuhr aber bald, dass sich Wagner nicht mehr erholen würde. Während Hitler früher privat bei Wagner ein- und ausging, mit ihm Operetten besuchte, Stadtbaumodelle besichtigte etc. und ihn seinen ‚Liebling‘ nannte, besuchte er den Todkranken nicht. Er starb am 12. April 1944 in einem Kurhaus in Bad Reichenhall, Rinckstraße 7.
https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/wagner-adolf-865

In einem posthumen Spruchkammerprozess 1949 wurde Adolf Wagner in die Gruppe der Hauptschuldigen eingestuft.


1.2 Der Landtag 2023 -


Bei der Landtagswahl am 14. Oktober 2018 kam die AfD auf einem Stimmenanteil von 10,2% (viertbestes Ergebnis - noch vor der SPD) und zog erstmals mit 22 Sitzen in das Parlament ein. Bei der Wahl 2023 erhöhte sie ihren Stimmenantei auf 14,6 Prozent und lag damit auch knapp vor den Grünen. Daher führt sie seitdem die Opposition im bayerischen Landtag an. Sichtbar wird der Status vor allem bei den Rederechten im Parlament. Auch wenn es darum geht, welche Fraktion nach Regierungserklärungen von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den ersten Konter setzen darf.

Auch 2023 ist offensichtlich ein Ziel der bayerischen Innenpolitik […] die Zurückdrängung der AfD.

AfD-Kandidaten fallen bei Wahl in Landtagsausschüssen durch.
Die in Teilen rechtsextreme Partei wollte die Fachgremien für Europa und Landwirtschaft führen - ihre Abgeordneten werden aber nicht gewählt. Die AfD nennt das Vorgehen “undemokratisch”.
SZ, 21. November 2023.

Folgende Abgeordneten wurden in die Funktionen der Vorsitzenden bzw. Stellvertreter in den Gremien gewählt.
Ausschuss für Staatshaushalt und Finanzfragen
Vorsitz: Josef Zellmeier (CSU) StV: Bernard Pohl (FW)
[…]
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus
Vorsitz: N.N. StV: Petra Högl (CSU)
[…]
Ausschuss für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie regionale Beziehungen
Vorsitz: N.N. StV: Ulrike Müller (FW) ]
https://www.bayern.landtag.de/aktuelles/aus-den-ausschuessen/staendige-ausschuesse-des-landtags-nehmen-die-arbeit-auf/


Auf einem anderen Betätigungsfeld im Bayerischen Landtag ist die AfD-Fraktion sehr aktiv. Nur ein Bespiel:

21.07.2026 Dringlichkeitsantrag der Abgeordneten und Fraktion (AfD)

Messer, Schüsse, tödliche Gewalt – Auf den Sommer der Angst muss ein Herbst der Heimreise und der Remigration folgen!

Der Landtag wolle beschließen:
Die Staatsregierung wird aufgefordert,
─ ein bayerisches Sofortprogramm einzuleiten, durch das rechtskräftig verurteilte ausländische Gewalt-, Sexual- und Intensivstraftäter unverzüglich abgeschoben werden,
─ einen umfangreichen Remigrationsplan für alle vollziehbar ausreisepflichtigen Personen in Bayern vorzulegen, der Straftäter, Gefährder und polizeilich geführte Mehrfach- oder Intensivtäter priorisiert und für Personen, die ihre gesetzlichen Mitwirkungspflichten bei Identitätsklärung oder Passbeschaffung schuldhaft verletzen, konkrete Maßnahmen und Vollzugsfristen vorsieht. - […]

Zur Begründung für den Sommer der Angst wird unter anderem aufgeführt:

Bei einem Dorffest in Egling bei Wolfratshausen verletzte ein mit einem Messer bewaffneter Täter acht Personen. Herkunft und Nationalität des Tatverdächtigen sind in diesem Fall noch unbekannt. Zeugen beschrieben den Flüchtigen als etwa 1,80 m bis 1,90 m großen Mann mit schmaler Statur und kurzen dunklen Haaren. Laut Polizei sprach der Mann gebrochenes Deutsch. Sein Hauttyp wird als „dunkel“ beschrieben.
https://www.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP19/Drucksachen/Basisdrucksachen/0000010000/0000010032.pdf

Am Tag der Antragstellung (21.07.2026) berichten die BAYERN 3-Nachrichten:

Das Dorffest im oberbayerischen Egling ist am Wochenende von Gewalt überschattet worden. Im Fokus der Ermittlungen stand besonders ein Messerangriff. Jetzt hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen. Nach Angaben eines Sprechers des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd handelt es sich um einen Heranwachsenden mit deutscher Staatsangehörigkeit aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, der bereits mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten ist, unter anderem mit Körperverletzung, Drogendelikten und Widerstand. […]
Jenseits der Messerattacke wurden mehrere weitere Personen bei anderweitigen Schlägereien auf dem Gelände verletzt. Es gebe keine Anhaltspunkte, dass der Mann mit dem Messer auch daran beteiligt war, hatte die Polizei unterstrichen. Niemand habe sich in Lebensgefahr befunden, erläuterte die Polizei in Wolfratshausen. Ein Sprecher berichtete von rund einem halben Dutzend Anzeigen wegen Körperverletzungsdelikten. Festgäste würden als Zeugen befragt und Videoaufnahmen ausgewertet. Die Stimmung sei aufgeheizt gewesen, berichtete der Polizeisprecher in Wolfratshausen über die Lage beim Eintreffen der Beamten. Bei der Auflösung der Veranstaltung hätten die Beamten teils unmittelbaren Zwang anwenden müssen. Sie hätten einige Partygäste in Gewahrsam nehmen oder sogar fesseln müssen, berichtete die Polizei.
https://www.br.de/nachrichten/bayern/festnahme-nach-messerangriff-auf-dorffest-in-egling,VQ0ktZD

Vielleicht wäre ein Messerverbot auf öffentlichen Plätzen für ALLE zielführender als der Ruf nach Remigration für ? - aber dazu gab es Gegenwind aus Bayern:

6. Internationale Jagd- und Schützentage vom 11. vom 12. Oktober 2019 im Schloss Grünau
Eröffnungsredner Hubert Aiwanger, Stellvertretender Bayerischer Ministerpräsident und bayerischer Wirtschaftsminister, sprach sich in seiner Rede unter anderem gegen das von der Bundesregierung geplante Messerverbot auf öffentlichen Plätzen aus. Seine Zuspitzung, dass es auf alle Fälle sicherer sei, jeder bayerische Mann und jede Frau trage ein Messer in der Tasche und man sperre die Schwerkriminellen ein, brachte ihm im Festzelt nur mäßigen Beifall, anschließend aber von der Opposition wie auch in den sozialen Medien viel Kritik ein.
https://wildundhund.de/bayern-jagdmesse-gruenau-im-schatten-der-politik/


2 Schon wieder – Der Aufstieg der NSDAP/AfD im Reichstag/Bundestag


Auf den ersten Blick erzählt der Datenjournalist Michael Kreil auf seiner Website Schon wieder – Der Aufstieg der NSDAP/AfD den Werdegang der NSDAP nach, von 1920 bis 1941. Einzelne Schlüsselbegriffe im Text sind braun gefärbt. Was Kreil damit bezweckt, zeigt sich beim Scrollen: Die braunen Schlüsselbegriffe färben sich blau, meist ändert sich auch der Text. Aus dem Parteikürzel NSDAP wird AfD, aus der Überschrift „Der Aufstieg der NSDAP. Ein historischer Rückblick.“ wird „Der Aufstieg der AfD. Ein fiktiver Ausblick.“
Kreil vergleicht die Geschichten der beiden Parteien direkt miteinander und extrapoliert sie für die AfD von deren Anfängen 2013 in eine düstere Zukunftsvision des Jahres 2030. In dieser Vision beginnt dann „die systematische Remigration von Millionen Menschen“ – 1941 hieß es noch Deportation. Bis hin zur vorgezogenen Bundestagswahl 2025 ähnelt der Werdegang der AfD dem der NSDAP frappierend. So zum Beispiel in dem Punkt, dass Friedrich Merz die CDU mit seinen Aussagen weiter nach rechts rückt, wie damals Ludwig Kaas die Zentrumspartei.
https://www.heise.de/select/ct/2025/9/2507916235222550408

Der Aufstieg der NSDAP
Ein historischer Rückblick

Der Aufstieg der AFD
Ein fiktiver Ausblick

Stand: 2025-02-20
Idee, Umsetzung, Text: Michael Kreil
Lizenz: CC BY 4.0 datajournal.org
Code: GitHub

https://datajournal.org/schon-wieder

References

Zuber, Brigitte. 2023. Der Gauleiter. Das Amt »Willkür«. Wbv-Media GmbH & Co. KG, Bielefeld.

Footnotes

  1. Robert Probst: Die NSDAP im Bayerischen Landtag 1924–1933.↩︎