1 Wandbild Die Würfelstadt
Ein erster Hinweis auf eine Wandmalerei mit dem Titel Würfelstadt mit Brillenschlange von Hermann Finsterlin findet sich im 1924 erschienenen 458 Seiten umfassenden mit 13 Bildtafeln ausgestatteten Werk »Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts« von Hans Hildebrandt. In dieser bis heute einzigen kunsthistorischen Berücksichtigung Finsterlins wird der Maler zwischen Klee und Surrealisten eingeordnet,
Am nächsten tritt Klee ein Künstler, der selbstständig und dank einer in manchem ähnlichen Struktur des geistigen Lebens zu verwandten Gestalten kam: Hermann Finsterlin (Abb. 461). Am Beginn seines Weges steht die Architektur, wenngleich nur als Gebilde schöpferischer Phantasie, bizarr und unausführbar. Allein diese zunächst so unarchitektonisch anmutenden Entwürfe bergen als Kernwert die Gewißheit, daß ein Bau ein Organismus ist, dessen funftionsbedingte Formen wachsen, nicht künstlich gemacht werden sollen […] Von Finsterlins hohem Verständnis für die Baukunst erzählt sein „Stil-Baukasten“, der mit einer Mindestzahl von Elementen in unübertrefflich knapper Fassung das Wesen aller historischen Stile darzustellen erlaubt und nirgends fehlen dürfte,wo man Architektur und ihre Geschichte lehrt. Dem Wunsch nach grenzenloser Freiheit des Gestaltens geht Finsterlin als Maler, Plastikerund Dichter nach. Die Bezeichnungen sind so absonderlich wie jene Klees. bei den gemälden scheinen die Farben das Erstgegebene. Sie verwandeln sich, wie Wolken vor dem träumenden Auge, in Menschenwesen, Fabeltiere, Riesenvögel, Meer-ungeheuer, Wunderpflanzen, Gebirge, auftauchend und versinkend in einem unendlichen, unirdischen Raum. Erinnerungen an das Liniengeschlinge des Jugendstils verschwinden mehr und mehr. Die plastischen Gebilde, kleinen Umfangs, doch durch ihr Bedeuten ins Große wachsend, ordnen die fremdesten Dinge und Materialien zu überraschenden Gruppen, die ein verfeinerter Sinn für Beziehungen zusammenhält. (Hildebrandt 1924 p 423)
Die Abbildung 461 ist mit Hermann Finsterlin, Würfelstadt und Brillenschlange. Wandmalerei untertitelt.
In der im Jahr 1988 von der Staatsgalerie Stuttgart herausgegebenen Monographie über das Gesamtwerk Hermann Finsterlins wird im Beitrag von Reinhard Döhl Hermann Finsterlin Eine Annäherung aus dem Werk von Hildebrandt zitiert und offensichtlich das gleiche Foto der Wandmalerei von Finsterlin wiedergegeben und mit einigen zusätzlichen Informationen versehen.
Abgebildet hat Hans Hildebrandt die Wandmalerei »Würfelstadt und Brillenschlange« (Abb. 61) die sich, einer rückseitig beschrifteten Photographie aus Finsterlins Nachlaß zufolge, in Berchtesgaden befunden hat. Es ist dies zugleich die erste und bisher einzige Abbildung eines Finsterlinschen Wandbildes. (Döhl 1988, 110, 111)
Untertitelt ist Abbildung 61 mit Wandmalerei »Die Würfelstadt«, Berchtesgaden, vor 1924, im Vordergrund die Mondgaleere, Archivfoto
Ein bisher weitgehend unbekannter Hinweis auf »Würfelstadt und Brillenschlange« als Grafik (Plakat) findet sich in einem Bericht der Stuttgarter Zeitung Märchen mit Pinsel und Palette über eine im Kunsthaus Fischinger (Stuttgart, Eßlingerstraße) ausgestellte Kollektion von Ölbildern und Aquarellen von Hermann Finsterlin:
In der Ausstellung bei Fischinger liegt ein Band mit Gedichten Finsterlins auf. Sie mögen für manchen der Schlüssel auch zu seinen Bildern sein. In ihnen tut sich ein Reichheiteren Fabulierens auf, eine fremde phantastische Welt, in der man sich an Dichter wie Paul Scheerbart oder Christian Morgenstern erinnert fühlt. Das Reich des Kristallinischen und einer wunderbaren Pflanzen- und Tierwelt wird darin lebendig. Da tanzen Elefanten auf toten Sternen, ein Zebra verliert seine Streifen, auf Eiskristallen, die zu mächtigen Gebirgen angewachsen sind, erblickt man einen Märchenbären. Man sollte die Titel der Bilder lesen. So nennt sich das Plakat zu der Ausstellung »Würfelstadt und Brillenschlange«.
Hanns Otto Roecker: In: Stuttgarter Zeitung, Februar 1953
In der 1964 als Privatdruck in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienenen Gedichtsauswahl (184 Seiten) Hermann Finsterlin: Lieder des Pan. Ein Griff in ein halbes Jahrhundert. ist zwischen den Seiten 22 und 23 eine Abbildung eingefügt, die auch den Titel »Würfelstadt und Brillenschlange« tragen könnte.
1.1 Wo war das Wandgemälde?
Das Photo aus dem Archiv lässt vermuten, dass sich das Wandgemälde in Innern des Finsterlingschen Landhauses in Schönau am Königssee befand. Weder im Archiv von Berchtesgaden (keinerlei Informationen über Finsterlin) noch im Archiv von Schönau (Meldezettel von Robert Finsterlin (Vater) und Herrmann Finsterlin vorhanden, jedoch ohne Adressenangabe) waren Informationen zur Lage des Landhauses ermittelbar. Durch Befragung von Einwohneren von Schönau ergab sich:
Das Finsterlin Haus hat die Hausnummer 12 in der Löslerstraße.
2 Architekturen
Unter dem Titel Architekturen (oder Zwei Architekturen) gibt es eine Reihe von mit römischen Zahlen durchnumerierten Serien (mindestens I bis XV), die jeweils eine Vielzahl von Blättern (bis zu 10) mit Aquarellen von Finsterlin enthalten.
Beispiel; 2 Architekturen Serie XIV, Blatt 9, 1-2 Aquarell, Tusche über Bleistift auf dünnem, rohweißem Papier, aufgezogen 19,9x29,1 cm 15,8x2,9 cm
Eine Schwarz-Weiß Aufnahme findet sich in Hermann Finsterlin Eine Annäherung (Döhl 1988, 256).
Im Buch von Franco Borsi mit dem Titel Hermann Finsterlin. Idea dell’architettura. Architektur in seiner Idee (Borsi 1968, 256) ist dieses Aquarell farbig abgebildet.
3 Gedichte
Das literarische Werk umfasst drei handgeschriebene und vier maschinengeschriebene Gedichtbände sowie ein zum Einbinden bestimmtes Konvolut von Gedichten. Erste Gedichte entstanden 1904, 1907 der erste handgeschriebene Gedichtband „Meine ersten Versuche“. Seine Lyrik ist stark vom Werk des Dadaisten Hans Arp geprägt, insbesondere von der intensiven Lektüre von Arps Gedichtband „Die Wolkenpumpe“ (1920). Noch vor 1950 begann Friedrich Carl Lamprecht mit dem Versuch, zunächst Finsterlins umfassendes Gedichtwerk zu ordnen. Es kam zu keiner Veröffentlichung. Eine Ordnung des Gesamtwerkes wurde nicht abgeschlossen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Finsterlin
Undatiert, wahrscheinlich zur Wuppertaler, vielleicht aber schon zur Stuttgarter Lesung, gehört eine Vorbemerkung Finsterlins, die deutlich machen sollte, wie er seine Gedichte verstand.
“Ich grüße Sie und danke Ihnen, daß Sie mir nach dem Auge nun auch noch Ihr Ohr leihen wollen, für meine zweite Muse Thalia. Wenn ich die Anwesenheit der Bilder benützt habe, um eine[r], dem beschränkten Raum entsprechend kleine Hörerschaft, welcher mein Wort-Spiel meist noch unbekannt ist, auch diese Facette meines Ausdrucks zugänglich zu machen, so deshalb, weil diese Zwillinge meiner Kunst sich so sehr aufschlußreich ergänzen oder besser gesagt vertreten.
Es ist Ihnen bekannt, daß gewisse chemische Elemente in allotropen Formen auftreten können, wie z.B. der Schwefel. Auch Schmetterlinge einer Art können bis zum Fremdschein mutieren. So ist’s auch bei meinen Bildern und Gedichten und Kompositionen.
Sie entstammen einem Weltgefühl. Und wie in der Malerei das absolut surreale neben einem fast extremen Naturalismus steht (was mir freilich von mancher konsequenten Seite oft schwerlich verziehen wird), so werden Sie auch in der Dichtung die tollsten Luftorchideen, die unmenschlichsten Gebiete reiner Idee finden neben einfachster, menschlichster Lyrik, denn je höher ich in den Wolkenkuckuckskrater steigen will, um so näher muß ich auf der Erde bleiben als Anker, als Sicherheitsventil, um an den Abgründen der schizophrenen Mondkrater nicht abzurutschen.
Und noch etwas. Wenn Sie vielleicht ein Hauptelement aller gewohnten Poesie in der meinen vermissen, die Meta-pher, so kommt das daher, daß meinem Wesen alles Vergleichende, eben alles Meta-phorische, Symbolische, Allegorische fremd ist, daß ich aber alles Unvergleichliche, Persönliche, Einmalige, anerkenne und liebe, wo immer es mir entgegentritt, trotz Ben Akiba, und Mephisto’s: Original, fahr’ hin! usw.
Und wenn einmal etwas nach Weltanschauung riechen sollte, - es riecht nur so. Ich habe keine Welt-Anschauung - nur ein Weltgefühl, das alle Weltansichten in sich schließt; und wenn ich einmal polemisch werde, dann nur gegen extreme Dogmen, die sich Allgemeingut anmaßen.
Sie werden auch kein Problem in meiner Dichtung finden, so wenig wie in den Bildern. Problem ist Analyse und als solche Wissenschaft. Kunst aber will Synthese sein von vornherein, ein Gebilde, das irgendwie beglücken will, lockern, beschwingen, interessieren und - sagen wir es ruhig, im allerhöchsten Sinne ’unterhalten”, schwerelos und schmerzlos, so wie die unverwundbaren germanischen Götter im Spiel sich mit Speeren durchbohrten, bis die spießige Mistel, der ewige Parasit, den lichten Baldur fällte.”
https://reinhard-doehl.de/forschung/finsterlin/annaehrng43.htm

Original Konvolut zur Stuttgarter Ausstellung und Lesung 1953
Zwei Gedichte aus dem Konvolut 1953:
Nichts ist gefährlicher auf dieser Welt
als Frauenaugen, die sich in dich brennen,
Du kannst dem wilden Stier entrennen,
Du kannst sogar von deinem Leib dich trennen,
Der deinen Geist gefangen hält.
Vor dem Orkan errettet dich die Höhle,
Das Feuer schützt dich vor des Raubtiers Gier,
Doch schaust du durch ein innig Aug in eine Frauenseele,
Hilft dir kein Gott an dieser Himmelstür.
Hermann Finsterlin
Was ist ein Rausch von glühenden Tokayern
Gegen den Zauber einer schönen Frau?
Womit um alles willst Du Feste feiern?
Mit Wein und Liedern? Trauerige Schau!
Hermann Finsterlin
Nichts ist gefährlicher auf dieser Welt
als Frauenaugen, die sich in dich brennen,
Du kannst dem wilden Stier entrennen,
Du kannst sogar von deinem Leib dich trennen,
Der deinen Geist gefangen hält.
Vor dem Orkan errettet dich die Höhle,
Das Feuer schützt dich vor des Raubtiers Gier,
Doch schaust du durch ein innig Aug in eine Frauenseele,
Hilft dir kein Gott an dieser Himmelstür.
Hermann Finsterlin
Sag mir, wo Du das Gelb gestohlen,
Duftfroher Falter Citronell,
Ich will mir auch davon was holen,
Und wär es nur ein Tausendstel.
Denn weist Du, Gelb ist meine Wonne,
Ist meine Nahrung, meine Kraft,
Gelb ist das Licht, das Gold, die Sonne,
Und aller Mitte Eigenschaft
Hermann Finsterlin






