Im Lokalteil der Reichenhaller Nachrichten vom 15.Juni 2023 erschien unter der Überschrift Schülerticket: Ringen um Gerechtigkeit ein Beitrag von Sabine Zehringer über die Sitzung des Kreisausschusses des Landkreises Berchtesgadener Land am 14.06.2023.
Eigentlich zum Tagesordnungspunkt 2. Schülerbeförderung: Freiwillige Übernahme der Beförderungskosten für das Deutschlandticket, Eigentlich: Denn schon der Blickfang des Artikels - ein fast halbseitiges Photo mit entsprechender Bildunterschrift (siehe nachfolgendes Bild) - weisen auf das schon länger in Kraft getretene Gesetz über die Kostenfreiheit des Schulwegs (Schulwegkostenfreiheitsgesetz -SchKfrG) hin - und damit verbundene Benachteiligungen bzw. Ungerechtigkeiten (Untertitel des Artikels: Kinder ohne Anspruch benachteiligt)

Offensichtlich werden verschiedene Maßnahmen in Verbindung mit der Übernahme von Beförderungskosten unterschiedlich bezüglich damit verbundener Benachteiligung/Ungerechtigkeit bewertet.
- Maßnahme I:
Durch das Schulwegkostenfreiheitsgesetz -SchKfrG wurden - nach Meinung der Journalistin - Benachteiligungen/Ungerechtigkeiten geschaffen mit Bildung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft:
Benachteiligung von Kindern, die ihren Schulweg wegen der Drei-Kilometer-Grenze zu Fuß oder mit dem Fahrrad absolvieren müssen, beziehungsweise ihr Ticket nicht bezahlt bekommen.
- Maßnahme II:
Nachdem von der Regierung ab 1. Mai das Deutschlandticket auf den Weg gebracht wurde, ergab sich die Notwendigkeit, die Kostenfreiheit des Schulwegs neu zu bestimmen. Wegen der Verpflichtung, die kostengünstigste Variante auszuwählen, musste allen Berechtigten, die bisher eine Monatskarte mit einem Wert über 49 Euro erhalten hatten, das günstigere Deutschlandticket erstattet werden. Damit wurde aus einer Zwei-Klassen-Gesellschaft eine Drei-Klassen-Gesellschaft (Schulweg kleiner drei Kilometer - Monatsticket unter 49 Euro - Monatsticket über 49 Euro) - mit insgesamt mehr Benachteiligungen (Ungerechtigkeit erhöht ?)
- Maßnahme III
Der eigentliche Gegenstand der Sitzung - Freiwillige Übernahme der Beförderungskosten für das Deutschlandticket - würde zwar wieder zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft führen (Schulweg kleiner drei Kilometer ohne Kostenerstattung - Schulweg größer drei Kilometer mit Erstattung des Deutschlandtickets) und damit die Zahl der Benachteiligungen verringern. Zumindest nach Ansicht von Dr. Lung ( … schaffen damit neue Ungleichbehandlungen) und der Journalistin wird jedoch durch diese Maßnahme die Ungerechtigkeit erhöht.
Derartige mehrdeutige Situationen, widersprüchliche Handlungsweisen sind im Alltag nicht selten. Es wäre daher sicher sinnvoll, in einem Kommentar darauf und auf die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten zu ertragen, näher einzugehen. In dem Kommentar von Sabine Zehringer werden jedoch nur neue Widersprüche und Aggressionen erzeugt.
- Kommentar
Nein, CSU-Kreisrat Dr.Christian Lung hat nicht “das Haar in der Suppe” gefunden, wie es SPD-Kreisrat Hans Metzenleitner bezeichnete. Er hat den Finger auf die Wunde gelegt.
So beginnt der Kommentar zu dem Beitrag über die Sitzung des Kreisausschusses. Merkwürdig, dass von einer Journalistin Redewendungen benutzt werden, um einen großen Gegensatz zu konstruieren, die nach allgemeinem Verständnis durchwegs unterschiedlich interpretiert werden kann.
So kann beispielweise die Eigenschaft, den Finger in die Wunde zu legen, sowohl positiv als auch negativ konnotiert sein. Entweder ist damit eine Person gemeint, die beharrlich nach dem Haar in der Suppe sucht und de facto nicht zufrieden zu stellen ist. Oder aber die Wendung beschreibt einen Charakter, der ein Projekt erst zu Höchstleistungen treibt, weil er sich nie mit den gefundenen Ergebnissen zufrieden gibt.
https://praxistipps.focus.de/finger-in-die-wunde-legen-bedeutung-der-redewendung_143806
Während dieser Aspekt für die Beurteilung der Zeitungsbeitrages wohl eher nebensächlich ist (Der Kreisausschuss empfahl bei einer Gegenstimme - Dr. Lung - dem Kreistag die Differenz zu bezahlen; Nachtrag vom 29.07.2023: Der Kreistag (61 Mitglieder) beschloss die vorgeschlagene Regelung am 28.07.2023 ohne Wortmeldung , aber bei zwei Gegenstimmen.), ist der zweite Teil des Kommentars mit einem konstruierten Beispiel leider Klischeebeladen und ausgrenzend:
Ein gut situiertes Akademikerpaar kann das Deutschlandticket für sein Einzelkind gratis bekommen, während die Arbeiterfamile für jedes ihrer zwei Sprösslinge 49 Euro hinblättert, nur weil es einen Tick näher an der Schule wohnt.
Während die Arbeiterfamilie mit zwei (!) Kindern wohl stellvertretend für die in letzter Zeit so oft zitierte Normalbevölkerung steht (insbesondere im ländlichen Raum), ist die Charakterisierung von gutsituierten Bürgern doch sehr erstaunlich. Der sicher lokalpolitisch fest verwurzelten Journalistin müssten eigentlich genügend regionale Beispiele für gutsituierte Bürger zur Verfügung stehen: eine Bauunternehmerfamilie, die Familie eines Hotelbesitzers, eines Immobilienmaklers . Aber für sie stellt ein Akademikerpaar mit einem Einzelkind (vielleicht Elite, möglicherweise rot-grün oder gar Veganer) den Gegenpol dar. Womit wieder einmal gezeigt ist: die normale Bevölkerung wird benachteiligt, während die Elite da oben auch noch unterstützt wird.
Am Ende des Romans Raben am Untersberg von Toni Attenberger, der im Berchtesgadener Land in der Zeit von 1891-1913 spielt, erzählt die Großmutter die Geschichte von den sieben Raben am Untersberg, die Elend, Not und Tod über ein Land bringen. Einer der sieben Raben ist der Rabe Zwietrachter. Es lohnt sich, im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm den Begriff zwietrachten nachzuschlagen:
spaltung von menschen in gegnerische parteien infolge der gegensätzlichkeit ihrer meinungen, gesinnungen, interessen, häufig zugleich auch streit, kampf oder krieg als folge solcher spaltung
Der Rabe fliegt noch.