Herr von Hindenburg kam (doch) nach Berchtesgaden
oder: Gemeinderatssitzungen in Berchtesgaden

Gemeinderatssitzungen 1933, 2009, 2024
BGL
Author

Gerd Welzl

Published

June 23, 2024

1 Generalfeldmarschall Hindenburg in Berchtesgaden (Achtung Ruhe)

Berchtesgadener Anzeiger, 23. August 1922

2 Gemeinderatssitzungen 1933 (Achtung Gewalt)

Gemeinderatssitzung 25.03.1933

Rathaus: 1933 wurde das Rathaus durch zwei NSDAP Gemeinderäte und bewaffnete SA- und SS-Mitglieder besetzt. Man forderte von Bürgermeister Seiberl, sofort die Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus aufzuziehen. Nach einer schnell einberufenen Sitzung des Gemeinderats wich man der Gewalt und ließ die Fahne aufziehen. Erst danach verließen die Bewaffneten das Gebäude.
https://www.heimatkundeverein-berchtesgaden.de/dl/a9772df538d65ba6d8458aa1731ef2b5/

Diese letzte Gemeinderatssitzung in Berchtesgaden mit Bürgermeister Seiberl fand am 25.03.1933 statt. Auf Antrag der Gauleitung erfolgten Beschlüsse zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Paul von Hindenburg und Adolf Hitler

mit der gleichen Begründung „dankbarer Würdigung ihrer um die großen Verdienste um die nationale Einigung des deutschen Volkes”,
In derselben Sitzung wurden Teile der Hanielstraße in Von-Hindenburg-Allee umbenannt. Der Gemeinderat beschloss diese Umbenennung mit der Begründung: „Der Generalfeldmarschall … hat sich durch seine Verdienste als Feldherr einen unsterblichen Namen erworben. Außerdem hat er als Reichspräsident des deutschen Volkes namentlich durch die Berufung des Führers der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei zum Reichskanzler eine nationale Einheit geschaffen…“.
https://berchtesgaden-gegen-rechts.de/distanzierung-von-der-ehrenbuergerwuerde-von-paul-von-hindenburg/

Wahlen zum Gemeinderat 5.05.1933

Die ersten Wahlen in Berchtesgaden während der NS-Zeit hatten am 5.Mai 1933 folgende Sitzverteilung im Gemeinderat zum Ergebnis:
NSDAP 10
BVP 5
Schwarz-Weiß-Rote-Liste 1
SPD 1
Den ersten und zweiten Bürgermeister stellte die NSDAP (1. Bürgermeister Dr. Willi Stoll)

3 Gemeinderatsitzung - 2009 (Achtung Satire)

Die Gemeinderatssitzung war in den letzten Zügen. Da trotz Zugang für die Öffentlichkeit weder nicht gewählte Einheimische noch Touristen ihren Weg in den Sitzungssaal gefunden hatten, lockerte sich auch der vereinbarte Sprachcode der einundzwanzig Volksvertreter wieder etwas. Dennoch war die Mehrheit der Anwesenden um ein artikuliertes Hochdeutsch bemüht - zu Übungszwecken für den Fall des Falles, dass sich doch irgendwann ein Tourist nicht bairischer Zunge hierher verirrte.
Das kennzeichnete nun auch das Fazit des Bürgermeisters:
„Sind ma uns also wieder mal einig, dass ma uns net einig sind?”
Viele der entkräfteten Gemeinderäte grinsten nur zustimmnend, die erfahreneren, insbesondere aus dem traurigen Häuflein der linken Opposition ahnten einen Strategiewechsel mit noch unbekanntenm Ziel. Mehr als hre Mienen ins Mürrische zu verziehen, blieb ihnen jedoch nicht. Noch nicht, wie sie nicht das erste Mal hofften.

Letztlich ging es ja immer nur um das Eine: Wie ließen sich noch mehr zahlungskräftige Gäste nach Berchtesgaden locken?
(Karger and Karger 2012)

4 Gemeinderatssitzungen 2024 (Achtung nicht-öffentlich)

4.1 Gemeinderatssitzung am 30.01.2024

Antrag zur Distanzierung des Gemeinderats von der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Paul von Hindenburg des Vereins Berchtesgaden gegen Rechts.

Im Einvernehmen mit allen Marktgemeinderäten hatte Bürgermeister Franz Rasp den Antrag auf die Tagesordnung einer nicht-öffentlichen Sitzung im Februar genommen. [Sitzung am 30.01.2024 ?] Nach einem Vortrag von Dr. Sven Keller, wissenschaftlicher Leiter der Dokumentation Obersalzberg, und einer Antragsbegründung durch Norbert Egger vom Verein »Berchtesgaden gegen Rechts« soll es damals im Gremium eine durchaus emotionale Diskussion gegeben haben, an deren Ende eine mehrheitliche Befürwortung des Antrags stand.

4.1.1 Am Tag nach der Gemeinderatssitzung

Über die beschlossene Distanzierung von der Ehrenbürgerwürde Paul von Hindenburgs informierte Bürgermeister Franz Rasp die Öffentlichkeit auch am Tag nach der Sitzung, nicht aber über das genaue Abstimmungsergebnis oder Inhalte der Diskussion.

4.1.2 Wenige Tage nach der Gemeinderatssitzung

Das Landratsamt Berchtesgadener Land teilte wenige Tage später auf Anfrage des »Berchtesgadener Anzeigers« mit, dass die Nichtöffentlichkeit dieses Tagesordnungspunktes unzulässig gewesen sei und der Beschluss wiederholt werden müsse.

4.2 Gemeinderatssitzung am 19.03.2024

Keinen einzigen Wortbeitrag gab es am Dienstag, als sich der Marktgemeinderat Berchtesgaden mehrheitlich von der Ehrenbürgerwürde Paul von Hindenburgs »distanzierte«. Ausgiebig diskutiert hatte man über den Antrag des Vereins »Berchtesgaden gegen Rechts« ja schon im Februar [Sitzung am 30.01.2024 ?] nicht-öffentlich.
Die aktuelle Abstimmung, bei der es drei Gegenstimmen gab (Hans Kortenacker, Martin Möller / beide Bürgergruppe und Katharina Mittner / SPD) war schon nach 30 Sekunden vorbei.
Alle Zitate aus Berchtesgadener Anzeiger 21.03.2024
https://www.berchtesgadener-anzeiger.de/startseite_artikel,-marktgemeinde-rueckt-von-hindenburg-ab-_arid,858940.html

Sitzverteilung im Gemeinderat 2024:

CSU 8
Freie Wähler 6
Die Grünen 4
BGD Bürgergruppe 2
SPD 1
Den ersten Bürgermeister stellt die CSU, den zweiten die Freien Wähler, den 3. die Grünen.

5 Aus der Geschichtswissenschaft zur Umbennung von Hindenburgstraßen (Achtung vergessen)

In der Bundesrepublik gab es in den Siebziger- und Achtzigerjahren neue Anläufe, Umbenennungen zu erreichen, die oft zu heftigen Kontroversen führten, aber selten erfolgreich waren. […]
Dabei war in der Geschichtswissenschaft schon damals der kritische Blick auf Hindenburg weit verbreitet. Eberhard Jäckel […] bezog 1984 [in einer zweistündigen Hörfunksendung im Kulturprogramm des SDR] klar Position: «Die Hindenburgstraßen, soweit ich sie kenne, gehen fast ausschließlich auf ein einziges Verdienst zurück: Hindenburg wurde geehrt, weil er Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, weil er die Tür aufgemacht hatte für den Weg in die größte Katastrophe unserer Geschichte. Das kann aber kein Grund sein, in unserem Land Straßen nach ihm zu benennen»
(Niess 2025, 270–71)

Für Berchtesgaden ist dieser Verdienst belegt (siehe: Gemeinderatssitzung 25.03.1933)

Übrigens: In einer Liste von Hindenburgstraßen, Hindenburgringen, Hindenburgdämmen und Paul-von-Hindenburg-Straßen, die nach dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847-1934) benannt wurden, ist die Von-Hindenburg-Allee in Berchtesgaden nicht aufgeführt. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Hindenburgstra%C3%9Fen

6 Ausführliche Dokumentation über Paul von Hindenburg von Norbert Egger (Berchtesgaden gegen Rechts)

https://berchtesgaden-richts.de/index.php

References

Karger, Ulrich, and Peter Karger. 2012. Herr Wolf kam nie nach Berchtesgaden. Edition Gegenwind.
Niess, Wolfgang. 2025. Schicksalsjahr 1925. Verlag C.H.Beck GmbH & Co. KG. München.