Kalinka
oder: Katzen und der Sinn des Lebens

Author

Gerd Welzl

Published

January 18, 2026

1 Armer Schwarzer Kater



KALINKA Bild von Irene Edenhofer Dezember 1990


Ronnie McMiller hat sein ganzes Leben den Katzen gewidmet. Seit über zwanzig Jahren leitet er das Millwood Cat Rescue Service in Edwalton und rettet Katzen von der Straße: Er nimmt sie auf, wenn sie in Schwierigkeiten sind, und gibt ihnen so lange ein Dach über dem Kopf bis er eine Familie für sie gefunden hat, was nicht lange dauert, da die Briten seit jeher gern Haustiere halten.
Aber in jüngster Zeit hat Ronnie ein sonderbares Phänomen bemerkt. Bei den Katzen, die von der Straße holt, hat der Anteil an schwarzen Exemplaren unverhältnismäßig zugenommem. Es gibt viel mehr schwarze Katzen als früher, und es fällt ihm schwer, sie in eine Familie zu vermitteln, die sich eigentlich ein Haustier wünscht,
Ronnie ist ratlos. Früher sagte man schwarzen Katzen nach, Unheil zu bringen, und man brachte sie mit Hexerei in Verbindung. Eigentlich gehörte dieser Aberglauben schon der Vergangenheit an. Ist er jetzt wieder auf dem Vormarsch? Bei näherer Betrachtung fällt allerdings auf, dass dieses Phänomen nicht nur schwarze, sondern allgemein dunkelfellige Katzen betrifft. Aus irgendeinem Grund scheinen Menschen diese loswerden und nicht mehr adoptieren zu wollen. »Haben Sie nicht noch andere?«, wird er gefragt, wenn er ein Kind anspricht, ob es nicht ein schwarzes oder grau-schwarz-gestreiftes Kätzchen mit nach Hause nehmen will.
Das Ganze ist und bleibt für Ronnie ein Rätsel. aber eines Tages liefert ihm jemand die Erklärung dafür, und dieser Jemand tut dies völlig ungeniert, als wäre es die normalste Sache der Welt: »Schau mal, dunkle Katzen geben auf Selfies nicht so viel her. Man erkennt die Konturen nicht, sie sehen wie ein unförmiger Fleckaus. Und wer will sich schon mit einem kleinen dunklen Monster im Arm zeigen, wenn weiße oder rote Kätzchen viel fotogener sind?«
aus: (Giuliano da Empoli 2020)

2 Katzen und der Sinn des Lebens



Aus dem Titelbild des Buches von John Gray KATZEN UND DER SINN DES LEBENS


»Wenn ich mit meiner Katze Spiele - wer weiß, ob ich nicht mehr ihr zum Zeitvertreib diene als sie mir?« Michel de Montaigne (John Gray 2025, p14)

Katzen planen ihr Leben nicht; sie leben es, wie es kommt. Menschen können nicht anders, als aus ihrem Leben eine Geschichte zu machen. Aber da sie nicht wissen können, wie ihr Leben enden wird, untergräbt dies die Geschichte, die sie von ihm zu erzählen versuchen. Folglich leben sie nicht anders als Katzen - so, wie der Zufall es will. (John Gray 2025, p53)

Die Ethik der Katzen ist eine Art selbstloser Egoismus. Katzen sind insofern Egoisten, als sie sich nur um sich selbst und um andere, die sie lieben, kümmern. Sie sind aber selbstlos insofern, als sie kein Bild von sich haben, das sie zu bewahren und zu verbessern suchen. Katzen sind nicht egoistisch sondern selbstlos sie selbst. (John Gray 2025, p85)

Katzen sind selten eifersüchtig, wenn ein anderer Mensch in das Leben der Person tritt, mit der sie zusammenleben. (John Gray 2025, p92)

Selten(?). Bei zugegebenermaßen geringem Stichprobenumfang (n=2) war zumindest bei Kalinka extreme Eifersucht zu beobachten und der Widerstand gegenüber dem weiblichen Eindringling wurde erst nach längerer Zeit aufgegeben.

Wenn Katzen die Sinnsuche der Menschen verstehen könnten, sie würden schnurren, ergötzt von dieser Absurdität. Als die Katze zu leben, die sie nun einmal sind, ist für sie Sinn genug. Dagegen können Menschen nicht anders, als nach einem Sinn jenseits ihres bloßen Lebens suchen. (John Gray 2025, p138)

(Einer von) ZEHN KATZENTIPPS FÜR EIN GUTES LEBEN
1
VERSUCHEN SIE NIEMALS, MENSCHEN ZUR VERNUNFT ZU BRINGEN

Der Versuch, Menschen zu überreden, vernünftig zu sein, ist wie der Versuch, Katzen zu Veganern zu machen. Menschen bedienen sich ihres Denkvermögens in der Regel, um zu untermauern, was sie glauben wollen, und nur ausnahmsweise, um herauszufinden, ob das, was sie glauben wahr ist. Das mag bedauerlich sein, aber es gibt nichts, was Sie oder sonst irgendjemand dagegen tun kann. Wenn menschliche Unvernunft sie frustriert oder in Gefahr bringt, gehen Sie weg. (John Gray 2025, p143)

References

Giuliano da Empoli. 2020. Ingenieure des Chaos. Karl Blessing Verlag, München.
John Gray. 2025. Katzen und der Sinn des Lebens. aufbau taschenbuch.