Prof. Kriß - Standhafter Humanist und gelehrter Sammler

Zur Geschichte von Prof. Rudolf Kriß
HIST
Author

Gerd Welzl

Published

October 6, 2023

1 Bergfriedhof Berchtesgaden - Grab von Prof. Rudolf Kriß

Am 17.08.2013 erschien unter dem Titel Verfechter von Heimat und Brauchtum im Berchtesgadener Anzeiger ein Beitrag über die Gedenkfeier anlässlich des 40. Todestages von Prof. Rudolf Kriß zu der sich zahlreiche Mitglieder des Berchtesgadener Heimatkundevereins versammelt hatten. In einer kurzen Ansprache ging der 2. Vorsitzende Gernot Anders auf das Leben dieses bedeutenden Forschers ein.

Grabstätte von Dr. Rudolf Kriss auf dem Bergfriedhof Berchtesgaden (2023)

Wer war Rudolf Kriss, der am 5. März 1903 in Berchtesgaden geboren wurde und der dort am Maria-Himmelfahrtstag 1973 verstarb? Diese Frage darf gestellt werden, denn seit seinem Tod sind bald zwei Generationen herangewachsen, die nach und nach vielleicht mit dem Namen nichts mehr anfangen können - es sei denn, Eltern oder Lehrer haben ihnen davon erzählt. Beim Heimatkundeverein bedauert man, dass sich der Berchtesgadener Gemeinderat nicht durchringen konnte, das neue Gymnasium nach dem verdienten Mann zu benennen. Doch - so hofft man - könnte künftig wenigstens einmal eine Straße oder ein Platz seinen Namen tragen.

10 Jahre später, am Mariahimmelfahrtstag 2023, lud der Heimatkundeverein Berchtesgaden anlässlich des 50. Todestags von Prof. Kriß erneut zu einer kleinen Gedenkfeier am Grab auf dem Bergfriedhof ein. Der Bericht des Berchtesgadener Anzeigers unter dem Titel Standhaften Humanisten gewürdigt weist auf die Ansprache des 1. Vorsitzenden Dr. Irlinger hin, der die zahlreichen Verdienste von Prof. Kriß zusammenfasste und betonte, dass es ihm unbegreiflich sei, wie heute Menschen von einer faschistischen Zensur schreien können, wenn im faschistischen Nazideutschland ein privat geäußerter Satz von Rudolf Kriß ausreichte, um fast zum Tode verurteilt zu werden. Auch Dr. Irlinger erwähnte die unzureichende Würdigung von Prof. Kriß in Berchtesgaden:

Warum gibt es bis heute kein würdiges Andenken für diesen besonderen Bürger Berchtesgadens? Die Chance, das Gymnasium nach ihm zu benennen, scheint inzwischen vertan. Erlauben Sie mir, dass ich provokativ frage: Was hat der preußische Militarist Hindenburg für Berchtesgaden getan? Und was hat Kriß für Berchtesgaden alles geleistet? Es wird höchste Zeit, dass die außergewöhnliche Persönlichkeit anständig gewürdigt wird.

Im folgenden soll nicht auf das Problem der Namensgebung eingegangen werden - Gemeinderatssitzungen in Berchtesgaden, ob öffentlich oder nicht-öffentlich - haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Es soll aber ein kleiner Beitrag zur Frage Wer war Rudolf Kriß? geleistet und die noch vorhandenen Informationen über diesen standhaften Humanisten und gelehrten Sammler weiter verbreitet werden.

2 Quellenhintergrund

Im folgenden sind die wesentlichen Quellen, die dem nachfogenden Text zugrundelagen und aus denen zitiert wird, aufgeführt.

  • Im Zeichen des Ungeistes (Buch von Rudolf Kriß)
  • Das Berchtesgadener Weihnachtsschießen und verwandte Bräuche (Buch von Rudolf Kriß)
  • Im Schatten des Hohen Göll (Buch von Hanns Angerer)
  • Die Herausforderung des Einzelnen - Ein gelehrter Sammler (Buchbeitrag von Elke Fröhlich)
  • Bilder und Zeichen der Frömmigkeit - Sammlung Rudolf Kriss (Buch von Nina Gockerell)
  • Zeitungsartikel aus dem Berchtesgadener Anzeiger

2.1 Im Zeichen des Ungeistes (Kriss 1948)

Aus dem Vorwort von Rudolf Kriss vom 31.12.1945 zum Buch Im Zeichen des Ungeistes:

Das vorliegende Buch bildet den 4. Band meiner unter dem Titel: Schicksal und Wesenheit niedergelegten Lebensbeschreibung. Wenn ich ihn als ersten und gesondert dem Druck übergebe, so bedarf es einer kurzen Erklärung.

Jeder der vier Einzelbände behandelt einen ganz bestimmten, klar umrissenen Zeitabschnitt innerhalb meines Lebens, der jedoch nicht äußerlich allein nach der Zeit charakterisiert ist, sondern sich von innen her als eine geistige Entwicklungsphase kennzeichnet. […]

Dementsprechend beginnt der dritte Band mit meiner endgültigen Hinwendung zur Wissenschaft, näherhin der Volkskunde und Religionsgeschichte als Lebensberuf und schließt mit der Eröffnung des von mir gegründeten Museums für religiöse Volkskunde in Wien, welches Ereignis einen vorläufigen Abschluß auf diesem Weg darstellte.

Während sich jedoch die drei ersten Bände nach Geschehnissen, die lediglich für meine privaten Lebensverhältnisse von Belang sind, gliedern, umfasst der vierte Band die Periode des Einbruchs der Politik in meinen bisher den öffentlichen Dingen fast völlig abgewandten Lebensstil. Aus diesem Grunde kann er aber auch in erster Linie das Interesse der Allgemeinheit beanspruchen; Beginn und Ende dieser Phase (1936 - 1945) sind zudem so deutlich sichtbar, daß sich die zeitliche Umgrenzung zusammen mit der inhaltlichen Selbstständigkeit gleichfalls ohne Schwierigkeiten wie von selbst darbietet.

Der Titel des Buches „Im Zeichen des Ungeistes”, versucht es, diese Aera in Worten zu beschreiben, während der Titel „Schicksal und Wesenheit” auf jene Grundelemente hinweist, die meinem Leben seine Prägung verliehen. Schicksal: damit sind alle jene Gewalten gemeint, die es von außen her beeinflußten und formten, Wesenheit: das meint die Summe der inneren Kraft, die den äußeren Stürmen standhaft und meiner Lebensform die persönliche Eigenart dennochzu bewahren versucht hat.

Leider sind - jedenfalls für den Laien - die erwähnten Bände eins bis drei des Kriß´schen Gesamtwerkes nicht öffentlich zugänglich. Grund dafür ist möglicherweise ein Einspruch der beiden Adoptivsöhne von Kriß gegen eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Nachlasses. Aus der Dissertation von Elke Fröhlich (Fröhlich 1983):

Der Kontakt zu den beiden Adoptivsöhnen von Rudolf Kriß ließ sich anfangs vielversprechend an. Der eine, der das Haus des Adoptivvaters auf der Koppenleiten übernahm, versprach nicht nur Interviews zu geben, ein Arrangement mit Freunden, Bekannten und Nachbarn eigens für die Verfasserin zu treffen, sondern auch die Einsichtnahme in den Nachlaß seines Adoptivvaters, der u.a. Prozeßakten und Korrespondenzen enthält, zu gestatten. Ebenso hilfsbereit zeigte sich zunächst der andere Adoptivsohn, dem die Verfasserin einige Adressen verdankt, Dann scheinen die beiden Adoptivsöhne anderen Sinnes geworden zu sein; der Verfasserin wurde zunehmend mit hinhaltenden Versprechen, dann mit Bedenken persönlicher Art, dem Ansehen des Betroffenen könnte durch eine Publikation Schaden angetan werden, und zuletzt mit völligem Stillschweigen angezeigt, daß die früheren Zusagen nicht mehr galten.

2.2 Das Berchtesgadener Weihnachtsschießen und verwandte Bräuche (Kriß 1941)

Eine Quelle, die noch vor Kriegsende (September 1941) entstand, stellt das im Auftrage der Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener erstellte Büchlein Das Berchtesgadener Weihnachtsschießen und verwandte Bräuche dar, mit einem Geleitwort von Landrat Froschmaier (Ehrenbeirat der V. W.), einem Vorwort von Gotthard Brandner (1. Vorstand der V. W.) sowie einer Einleitung von Andreas Fendt (Ortsbauernführer).

2.3 Im Schatten des Hohen Göll (Angerer 1976)

Die erste Auflage des Buches Im Schatten des Hohen Göll von Hanns Angerer erschien im Jahr 1954. Eine zweite Auflage wurde 1976 im Verlag Morsak veröffentlicht. Die Zusage des Inhabers des Morsak Verlages erreichte Hanns Angerer noch kurz vor seinem Tod am 6.09.1976. Ein besondere Rolle spielt dieses Buch für Prof. Kriß in dreifacher Hinsicht: Das Buch befaßt sich auch mit dem Berchtesgadener Weihnachtsschießen und verwandten Bräuchen - in romanhafter Form und speziell für den Obersalzberg, beschränkt auf den Zeitraum um 1880; zum zweiten ist die Unterstützung beim Schreiben und der Ausgestaltung des Buches durch Prof. Kriß zu erwähnen und schließlich sind die dramatischen Folgen, die die Begegnung mit dem von ihm engagierten Zeichner hatten, bedeutsam.

2.4 Die Herausforderung des Einzelnen - Ein gelehrter Sammler (Fröhlich 1983)

Der Band VI einer von Martin Broszat und Elke Fröhlich herausgegebenen Reihe Bayern in der NS-Zeit. Dieser Band basiert auf einer von der Münchener Universität angenommenen Dissertation von Elke Fröhlich mit dem Titel Die Herausforderung des Einzelnen Untertitel Geschichten über Widerstand und Verfolgung. Band VI enthält - gegliedert in 12 Kapitel - 14 individuelle Geschichten zum Thema Widerstand und Verfolgung; darunter ist das Kapitel VIII. Ein gelehrter Sammler bezogen auf Prof. Kriß. (Fröhlich 1983, 193)

2.5 Bilder und Zeichen der Frömmigkeit - Sammlung Rudolf Kriss (Gockerell 1995)

Ein Ausstellungskatalog aus Anlaß der Einrichtung der Sammlung Rudolf Kriss im Herzogschloß Straubing (Ausstellung von 1995 - 2006).

3 Lebenslauf 1903 - 1940

Rudolf Kriß wurde am 5.03.1903 als Sohn einer alteingesessenen Berchtesgadener Familie, der über mehrere Generationen hinweg das Hofbrauhaus Berchtesgaden gehörte, geboren. Nachdem sein Vater 1917 im ersten Weltkrieg gefallen war, mußte er als künftiger Erbe zunächst ein Studium zum Diplomkaufmann in München aufnehmen.

Schon während seiner Studentenzeit noch vor 1923 empfand Kriß dem Nationalsozialismus gegenüber eine starke instinktive Abneigung.

Ich konnte einfach nicht begreifen, wie gebildete und kultivierte Leute plötzlich jede Urteilskraft verloren und den primitiven Phrasen von Volksrednern anheimfielen. […] Daß es sich nämlich nicht so verhalte, wie man später so oft zu hören bekam, daß der Nationalsozialismus an sich gut und nur seine führenden Persönlichkeiten schlecht seien, sondern, daß gerade umgekehrt, die Idee als solche verwerflich und die ausführenden Organe in der Folge ebenfalls schlecht werden mußten, das wurde mir einige Jahre später zur Gewißheit. […] Ein weiterer Grund kam hiezu, der mich den Nationalsozialismus als der Natur des geistigen Menschen diametral gegenüberstehend erkennen ließ. Es war das von ihm verfochtene autoritäre Prinzip, die von ihm auf den Schild erhobene Diktatur einer einzigen Weltanschauung, die für jedermann verbindlich erklärt wurde. […] Doch übersah ich von Anfang an auch die praktischen Folgen keineswegs, die sich daraus ergeben mußten, daß es in Zukunft nur mehr solchen Menschen möglich sein würde, sich geradlinig und unverbogen zu entwickeln, deren angeborene Weltanschauung zufällig mit der herrschenden harmoniere, während alle anderen mit der wachsenden Totalität des staatlichen Geltungsanspruches zu Lügnern und Feiglingen erzogen würden, zu Menschen, die es verlernen, eigene Ansichten zu vertreten, die zuletzt selbst nicht mehr wissen, was sie glauben, und wo auch die Besten ihr sittliches Verantwortungsgefühl einbüßen und einer billigen Vorteilsmoral anheimfallen. (Kriss 1948, 14–16)

Sein eigentliches berufliches Interesse zeigte sich jedoch mit der endgültigen Hinwendung zur Wissenschaft, näherhin der Volkskunde und Religionsgeschichte als Lebensberuf (Kriss 1948, 5). Das manifestierte sich in seinem nachfolgendem Studium der Philosophie, Religionsgeschichte und Volkskunde und schließlich der Promotion 1929 über das Gebärmuttervotiv bei Otto Mauser in München.

Über das Studium hinaus verwandte Kriß einen erheblichen Teil seiner Zeit und seines Vermögens auf eine rege Sammlertätigkeit. Seine Lehrmeister waren dabei die in volkskundlichen Kreisen als Ahnherrin aller süddeutschen und österreichischen Volkskunde geltende Arie Andree-Eysn und ihr Mann, deren grundlegendes Werk über Votive und Weihegaben des katholischen Volks in Süddeutschland (Andree 1904) sich Kriß als besonderes Vorbild nahm. Diese Leidenschaft des jungen Akademikers - er sammelte vor allem Votivgaben - kam so stark zum Durchbruch, daß Fachleute schon nach wenigen Jahren seine Sammlung mit Staunen und Anerkennung betrachteten. Mit der theoretischen Fundierung dieser Sammelarbeit habilitierte er sich 1934 in Wien. (Fröhlich 1983, 193)

Die Entscheidung nach Wien zu gehen und an der Universität in Wien seine Lehrtätigkeit aufzunehmen, hing auch mit der bereits erwähnten Abneigung gegenüber dem Nationalsozialismus zusammen. Deshalb bemühte er sich auch um die österreichische Staatsbürgerschaft; die Einbürgerung erfolgte allerdings erst acht Tage vor dem Anschluß Österreichs im März 1938.

Nach Wien brachte er auch seine Sammlung , um sie einerseits als Lehr- und Anschauungsmaterial stets zur Hand zu haben, andererseits vor einem eventuellen Zugriff der Nationalsozialisten sicher zu wissen. Sie wurde hier auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine ständige Ausstellung in der Neuen Burg eröffnete Kardinal Innitzer, was für Kriß eine hohe Ehre bedeutete, zu diesem Zeitpunkt seitens der germanistisch eingestellten Kollegenschaft aber auch schon kritisch registriert wurde. (Fröhlich 1983, 195)

Der Sammlung für Deutsche Religiöse Volkskunde wurden 1936 vier Säle im Halbstock in der Neuen Burg in Wien zugesprochen.

Neue Burg in Wien (2023)

Kriß beschreibt diese Eröffnung folgendermaßen:

Mit der Eröffnung meines Wiener Museums war ein gewisser Abschluss und ein scheinbarer Höhepunkt in meiner Lebensbahn erreicht. Ich sage mit Absicht: scheinbar, denn die fruchttragende Wirkung blieb aus. (Kriss 1948, 7)

In diesem Satz klingt bereits der Einbruch des Nationalsozialismus in alle Belange des österreichischen öffentlichem Lebens an.

Gegen mein besseres Wissen tat ich zunächst so, als gäbe es keinen Nationalsozialismus, keine Kriegsgefahr, als ahnte ich nicht von den Abgründen, denen die Welt zusteuerte. […] Ich hielt an der Universität meine Vorlesungen wie bisher, ließ mich zu Vorträgen einladen und im sicheren Wissen, daß es so richtig sei, ließ ich mich auch nicht sonderlich von der Tatsache beeindrucken, daß die Hörer weniger wurden und ich mehr und mehr auf einer geistigen Insel zu leben begann.(Kriss 1948, 8)

In diese Zeit fiel auch der Tod seiner über alles geliebten Mutter (11.03.1937), deren letzten Stunden im Reichenhaller Krankenhaus er in bewegenden Worten beschreibt. (Kriss 1948, 9–10)

[Doch] das Leben ging weiter. Es fehlte allerdings auch in jener Zeit nicht an retardierenden Momenten, an Lichtpunkten, in meinen persönlichen Verhältnissen, die sich hauptsächlich aus der Sichtung und teilweisen Neubildung meines Freundeskreises ergaben. […] In einem Kreise von Musikern lernte ich auch Felicie Hüni-Mihascek persönlich kennen, die ich als Sängerin und Mitglied der Münchner Staatsoper schon lange verehrt hatte. Wir wurden später gute Freunde. (Kriss 1948, 12)

Felicie Hüni-Mihascek siedelte 1926 von Wien nach München über, und blieb dort an der Bayerischen Staatsoper, deren eigentliche Primadonna sie für die nächsten zwanzig Jahre war. Trotz ihrer exponierten Stellung als erste Künstlerin des Hauses war sie - ihre Arierschaft wurde in Zweifel gezogen - ab 1932 Diskriminierungen durch die Nationalsozialisten ausgesetzt.

Bereits ab Anfang des Jahres 1932 waren starke nationalsozialistische Tendenzen an der Bayerischen Staatsoper zu erkennen: deren Mitarbeiter wurden in Reichsdeutsche und Auslände eingeteilt, u.a. auch Felicie Hüni-Mihacsek. […] Felicie Hüni-Mihacsek sollte zuerst ein Ein-Jahres-Vertrag angeboten werden, um die Möglichkeit zu haben, ihr schnell kündigen zu können, falls ein adäquater oder besserer Ersatz gefunden werden würde. Trotz ihrer Anerkennung durch den Intendanten, die Presse, die Zuschauerund sogar durch die Politik und ihre Stellung als erste Künstlerin wurde ihr Gehalt gekürzt […] Über diese Lohnkürzungen hinaus hatte sie mit dem Nachweis ihrer Arierschaft zu kämpfen. Immer wieder wurde dieser von verschiedenen Behörden gefordert. (Kröger 2015)

Am 15.03.1938 hielt Hitler seine “Anschluss-Rede” in Wien vor jubelnden Menschenmassen vom Balkon der Neuen Burg (siehe vorige Abbildung). Kardinal Innitzer ließ an diesem Tag in Wien die Glocken läuten, stattete dem “von Gott gesandten Führer” einen Besuch ab und unterzeichnete eine feierliche Erklärung der österreichischen Bischöfe, in der diese den Anschluss befürworteten, mit der handschriflichen Ergänzung Heil Hitler. Nachdem sich der Heilige Stuhl von dieser Erklärung distanziert hatte, musste Innitzer am 6. April 1938 in Rom eine Klarstellung unterzeichnen. Spätere Aktionen des Kardinals (Rosenkranz-Demonstration, Predigen mit indirekter Kritik an der nationalsozialistischen Regierung) wurden von vielen Historikern als Ursprung des katholischen österreichischen Widerstandes angesehen.

Nach dem Anschluss Österreichs geriet Kriß schnell in die Schußlinie nationalsozialistisch gesinnter Kollegen. Im April 1938 wurde Kriß die Lehrbefugnis entzogen. Er selbst beschreibt diesen Vorgang:

Inzwischen war mir, wie nicht anders zu erwarten war, die Venia Legendi an der Universität entzogen worden, vermutlich aus dem einzigen Grunde, weil man bei mir eine zu nahe Bindung an die verflossenen Machthaber vermutete, besonders meine Beziehungen zu Kardinal Innitzer hatten mich verdächtig gemacht. (Kriss 1948, 13)

Die Wirren der Zeit nach dem Austrofaschismus mit den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland 1938 und der Etablierung einer nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Österreich mit zerstörten demokratischen Strukturen hatten auch Einfluss auf die Hochschulpolitik.

Am 6. März 1939 wurde [Kriß] die Lehrbefugnis wieder zuerkannt, und ein Erlaß vom 28. Februar ernannte ihn zum Dozenten neuer Ordnung für das Fach `Deutsche Volkskunde´ mit der Versicherung, daß er des besonderen Schutzes des Führers sicher sein dürfe. […] Die Lehrbefugnis für das Sommersemester traf [jedoch] so spät ein, daß Kriß, inzwischen tief gekränkt, kaum Zeit blieb, Vorlesungen und Seminare vorzubereiten. Vor Beginn des Wintersemesters brach der Krieg aus. Für Kriß bedeutete dies einen besonderen Einschnitt, da die väterliche Brauerei zu einem kriegswichtigen Betrieb erklärt wurde und er sich 1940 gezwungen sah, zur Führung der Brauerei für die Dauer des Krieges Urlaub zu beantragen. Diesem Antrag wurde durch den Reichsminister für Wissenschaft,Erziehung und Volksbildung Ende des Jahres 1940 auch stattgegeben. (Fröhlich 1983, 196)

4 Lebenslauf 1941 - 1973

Bevor Kriß nach sieben Jahren in Wien nach Berchtesgaden zurückkehrte, musste er noch einige Angriffe auf seine Lehrbefugnis abwehren. Der Dekan der Universität erklärte sich schließlich mit dem Vorschlag, die Angelegenheit bis Ende des Krieges ruhen zu lassen, einverstanden. Der Abschied von Wien fiel ihm nicht schwer. Zunächst arbeitete er sich in die Geschäfte des ererbten Brauereibetriebes ein, empfand aber diese Zeit des wissenschaftlichen Brachliegens als tote Zeit.

Neben seiner geschäftlichen Tätigkeit gelang es ihm einige volkskundige Werke zu verfassen, Außerdem vertiefte er Beziehungen zu Künstlern, wie z.B. der Münchner Bildhauerein und Malerin Paula Riezler. Geboren in Ulm als Paula Krafft, war sie nur kurze Zeit verheiratet mit Walter Riezler, der ab 1910 Direktor des Städtischen Museums Stettin war, bis er 1933 von den Nationalsozialisten suspendiert wurde.

Paula Riezler blieb nicht nur bei der theoretischen Ablehnung des Nazismus stecken. Sie entfaltete auch eine lebhafte Tätigkeit auf caritativen Gebiet, indem sie eine großzügige private Hilfsaktionfür Juden und andere politisch Verfolgte einleitete und darauf fast mehr Zeit verwendete,als bei ihren geistigen und künstlerischen Möglichkeiten zu verantworten war. Mein Blockhaus am Ölberg [mit Blick zur Donauebene, Dreiburgenland und Bayerischem Wald] wurde ihr in den beiden letzten ]ahren ihres Lebens [1941-1943] zur zweiten Heimat. […] Im Jahre 1938 war es fertig geworden, doch kam ich vor Beginn des Krieges nur selten hin; sein entscheidenes Gepräge erhielt es erst während des Krieges, als ich meine dortigen Besuche, die gewöhnlich im Mai und August stattfanden, stets in Begleitung von Paula Riezler ausführte. (Kriss 1948, 18)

Eine weitere Hinwendung zu neuer wissenschaftlicher Betätigung ergab sich für Prof. Kriß, als der Vorstand der Berchtesgadener Weihnachtsschützen mit der Bitte an ihn herantrat, das Brauchtum des Berchtesgadener Landes zu erforschen und in Buchform niederzuschreiben.

Im Sommer des Jahres 1941 trat der Vorstand der Berchtesgadener Weihnachtsschützen, Gotthard Brandner, an mich heran, mit der Bitte, dem Verein beizutreten, und das bereits erwähnte Buch über das Berchtesgadener Brauchtum zu verfassen. Ich folgte dieser Aufforderung, ohne zu ahnen, daß damit ein Steinchen ins Rollen käme, das später eine Lawine auslösen würde. (Kriss 1948, 28)

Dr. Rudolf Kriß 2. Vorstand i. V. der V. W. und Archivwart (Abbildung aus Kriß 1941)

Die von Kriß erstellte Darstellung des Brauchtums der Berchtesgadener Weihnachtsschießens schildert sowohl das Brauchtum der Gegenwart (1941) , aber auch die geschichtliche Entwicklung und enthält auch eine allgemeine Sinndeutung. Dieses in einem Wiener Verlag erschienene Buch (Kriß 1941) spiegelt deutlich die Ambivalenz im Umgang mit dem Nationalsozialismus und der Person Adolf Hitlers wider. Insbesondere im Vorwort und in der Einleitung finden sich Passagen, die nur schwer mit der von Kriß schon früh geäußerten Gegnerschaft zum Nationalsozalismus, zu dem von Hitler verfochtenen autoritären Prinzip, zur von Hitler auf den Schild erhobene Diktatur einer einzigen Weltanschauung, vereinbar sind.

Aus dem Vorwort (von Gotthart Brandner, 1. Vorstand der Vereinigten Weihnachtsschützen)):

Während der großen wirtschaftlichen Not der Nachkriegszeit seit 1918 war es leider nicht leicht, den Geist und die Liebe zur Aufrechterhaltung unserer alten Sitten und Bräuche wieder zu erwecken,so wie sie jahrzehntelang unsere Väter und Vorväter gepflegt und nicht anders gekannt hatten. Es brauchte in jener widen Zerissenheit tatkräftige Männer, um den für Berchtesgaden charakteristischen Brauch des Weihnachtsschießens wieder zu festigen. Infolge der Not durch die große Arbeitslosigkeit fehlten alle Mittel, um auch bloß den bescheidensten Anfang zu machen. Überdies hatten die jungen Burschen zu Beginn wenig Interesse, weil immer nur das moderne, von der Großstadt eingeschleppte Gehabe und nicht das herkömmliche und ererbte ländliche Brauchtum gefördert wurde. Selbst die Eltern vermochten es damals teilweise nicht mehr, ihre Jungen zur Pflege einer richtigen bodenständigen Kameradschaft zu erziehen. Doch wurde es dank der straffen Mitarbeit aller älteren Kameraden und dank deren zäher Ausdauer allmählich möglich, die noch unversehrt gebliebenen jungen Kräfte für unsere Sache zu gewinnen. Denn schließlich ist unser väterlicher Gebirgsstamm hart, dabei aber aufrichtig, ehrlich und treu; er hängt zäh an seiner heimatlichen Scholle und läßt seine Lebensgewohnheiten nicht durch ortsfremde, neuartige Sitten verschandeln. An dem in schwerster Zeit erfolgten Zusammenschluß der bestehenden fünfzehn Lokalvereine in die gleichmäßig ausgerichtete Gemeinschaft der Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes hat alles mitgeholfen. In der jüngsten Vergangenheit sind wir Berchtesgadener aber für die weitere Festigung und Erhaltung unseres Brauchtums vor allem unserem Ehrenmitglied Adolf Hitler, und nach ihm vielen anderen Förderern und Gönnern, Behörden wie Privatpersonen, zu Dank verpflichtet. (Kriß 1941, 8)

Aus der Einleitung (Andreas Fendt, Ortsbauernführer):

… Heute sind die Berchtesgadener Weihnachtsschützen der einzige Verein, dem unser Führer Adolf Hitler als Ehrenmitglied angehört. Diese einmalige und höchste Auszeichnung verpflichtet uns noch besonders, mit voller Hingabe unser Brauchtum zu pflegen und unverfälscht zu erhalten. Die Geschichte zeigt uns, daß die Schützen hiefür oft schwer kämpfen mussten, aber der Sieg blieb immer wieder auf der Seite der bäuerlichen Kulturträger; denn dieses Brauchtum in unseren rauhen Gebirgstälern ist hart wie der Boden und fest mit Mensch und Scholle verbunden. Es wird nicht berührt vom Lächeln der Besserwisser und ist erhalten geblieben auch zu Zeiten, in denen andere Kulturerscheinungen von den Sturmwinden politischer und wirtschaftlicher Revolutionen im Laufe vieler Jahrhunderte in das Reich der Vergessenheit getragen worden sind,(Kriß 1941, 10)

Im ersten Teil (Brauchtum der Gegenwart) wird zunächst die im Jahr 1925 mit ordentliche Statuten gegründete Vereinigung, die Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes, als Träger des brauchtümlichen Schießens benannt. Die Basis dafür waren 15 örtliche Vereine; der älteste ist der Herzogberger, gegründet 1887 von Sebastian Bieler. Eine marmorne Gedenktafel wurde 1937 in einem Felsen auf dem Herzogberg zum fünfzigjährigen Bestehen eingelassen.

Sowohl die zeitliche Abfolge als auch die räumlichen Lokalisationen des Weihnachtsschießens werden genau beschrieben.

Am Weihnachtsabend versammeln sich alljährlich mehr und mehr Schützen auf ihren festen Standplätzen. Erst fallen nur vereinzelte Schüsse, die jedoch langsam immer häufiger werden, bis um 11 1/2 hr, wenn die Glocken zur Mette läuten,der eigentliche Höhepunkt des Schießens beginnt und bis kurz vor 12 Uhr, wenn das Christamt anfängt, in unveränderter Stärke anhält - bis um 12 Uhr Mitternachts völlige Ruhe eintitt. […] Das Weihnachsschießen findet indessen nicht nur am Heiluigen Abend statt, sondern beginnt entsprechend dem kirchlichen Brauchtum bereits eine Woche vorher. Wenn acht Tagevor drm Christfest nachmittags um 3 Uhr von der Stiftskirche herabein feierliches Glockengeläut das Weihnachtsfest ankündigt, so erschallt dazu gleichzeitig das laute Krachen aus den Böllern der Schützen. […] Doch wird nicht durch die ganze Woche hindurch geschossen, sondern das sogenannte Christkindlschießen oder Abläutschießen findet nur einmal, und zwar örtlich verschieden am dritten oder vierten Adventssonntag oder am Heiligen Abend selbst statt. […] In den Weihnachsfestkreis gehören natürlich auch die Neujahrs- und Sylvesterfeiern. Auch an diesen versammeln sich die Schützen etwa eine Stunde vor Mitternacht auf ihren Plätzen, worauf ein immer lauter werdendes Schießen anhebt. […] Die Obersalzberger schießen auch heute noch, wie schon viele Jahre vorher, auf ihrem alten Platz, unmittelbar unter dem Berghof, inmitten des abgeschlossenen Führergebietes. Es rührt dies daher, daß Adolf Hitler Ehrenmitglied der Vereinigung ist und ein wohlwollender Freund und Gönner dieses Brauchtums. Deshalb schließen sich den Obersalzbergern auch seit einigen Jahren Abordnungen aus allen übrigen Vereinen an, so daß eine sehr stattliche Gruppe entsteht, die hernach alljährlich als erste Neujahrsgratulantin am Berghof empfangen wird: (Kriß 1941, 17–21)

Hitler spricht zu den Berchtesgadener Weihnachtsschützen am Berghof, 31. 12. 1938

Zu den übrigen festliche Gelegenheiten im kultischen Jahr mit brauchtümlichen Schießen gehört

  • das Pfingstschießen oder Heiligen-Geist-Anschießen um 4 Uhr am Pfingstsonntag

  • das Wetteranschießen um 7 Uhr und mehrmals während de Hochamts an Fronleichnam

  • das Johannisschießen früher am 23.Juni, später am Vorabend der astronomischen Sonnenwende am 20. Juni

  • regional unterschiedliche Sonderfeste wie Kirchweih, Primizfeiern, Hochzeit und Beerdigung von Veteranen und Kriegsteilnehmern.

Nach der Schilderung des Brauchtums um 1940 ist der zweite Teil - die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung - geprägt durch eine Unterscheidung zwischen einem unerlaubten und einem erlaubten brauchtümlichen Schießen. Vor allem das Fronleichnamsschießen wurde nicht nur gestattet sondern sogar gefördert.

Für das unerlaubte nächtliche Schießen - Weihnachen und Neujahr - waren bis zum Beginn des 20ten Jahrhunderts eine erstaunlich große Zahl von Verboten erlassen worden. Beginnend mit dem Jahr 1666 (Fürstliches Berchtesgadnerisches Ratsprotokoll), über Verhörprotokolle des Landgerichtes Berchtesgaden bis zu Erlassen des Königlichen Amtsgerichts Berchtesgaden in den Jahren 1835 und 1859 reicht die durch Verbote charakterisierte Zeitspanne. Die große Zahl von Verbotserlassen kann aber auch als Indiz für eine geringe Wirksamkeit interpretiert werden.

Der dritte Teil enthält eine allgemeine Sinndeutung dieses Brauchtums - ursprünglich eine Sitte der Lärmumzüge zur Zeit der Wintersonnenwende und gehört in das weite Reich der Fruchtbarkeitskulte. Im Laufe langer christlicher Jahrhunderte vollzog sich eine immer stärkere Bindung an das Christentum. Man schoß in erster Linie zur Feier der Christgeburt[…] Wie uns das älteste der angeführten Verbote aus dem jahre 1966 zeigt, wurde ehedem an den drei bedeutensten Rauhnächten, der Weihnachsnacht (Mittwinter) als der ersten, der Neujahrsnacht als der mittleren und der Dreikönigsnacht alsder letztn, geschossen. Mit der Zeit jedoch legte man entsprechend dem christlichen Bedeutungsgehalt das Hauptgewicht auf die Christnacht.

Das Buch endet mit Bildern zu Handböller (3), zum Weihnachsschießen (6), zum Fronleichnamsschießen (4), Andere Feste (2), Schützenjahrtag (4) sowie Bildern von Vorständen, Ausschußmitgliedern der Weihnachtsschützenvereine (27).

Kriss selbst beschreibt seine Tätigkeit für die *Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Vereins in seinen Erinnerngen aus dem Jahr 1945 fogendermaßen:

Was mich an der Sache zunächst anzog, war, daß der Verein unter der Leitung Brandners durchaus erfreuliche Grundtendenzen zeigte und es ihm nur an einer gechickten geistigen Führung gebrach, um das für recht Erkannte auch praktisch durchzusetzten. […] Im wohltuenden Gegensatz zu ähnlichen Vereinen, die sich mehr als gut mit der Fremdenindustrie verbrüderten, fanden sich bei den Weihnachtsschützen diejenigen bäuerlichen Menschen zusammen, die etwas auf sich hielten und es verschmähten, sich den Fremden für Geld an den Hals zu werfen, sondern mit durchaus guter Witterung allen derartigen Versuchen gegenüber äußerste Reserviertheit bezeugten und nur das wirklich Echte und Gesunde in ihren Reihen duldeten. Es war dies wohl in erster Linie das Verdienst des Führers Gotthard Brandner, der stets das Richtige wollte, dem es mitunter nur an der nötigen Menschenkenntnis und geistigen Selbstständigkeit gebrach, um alles in das entsprechende Fahrwasser zu lenken. […] Zunächst versuchte ich, die praktischen Bestrebungen des Vereins geistig zu unterbauen und ihm dadurch ein klares eindeutiges Gepräge zu verleihen. (Kriss 1948, 28)

Eine weitere Begegnung mit einem Mitglied der Vereinigten Weihnachsschützen sollte für Kriss noch bedeutsam werden; sie stand in indirekter Verbindung mit seiner Verhaftung.

Ich lernte Hans Angerer im Herbst 1942 kennen. […] kam er zu mir mit der Bitte,, ihm beim Erwerb eines kleinen Bauernanwesensin Ramsau behilflich zu sein. […] Im Verlauf unseres Gesprächs, erzählte er mir unter anderem, daß ihn das Heimweh in der Fremde so geplagt habe, daß er auf die Ideeverfallen sei, eine Schilderung seiner alten Heimat und ihrer Sittenin Romanform zu versuchen. Ob ich das Manuskript sehen wolle? Natürlich war ich aufs äußerste überrascht von dieser Mitteilung, da er doch ein ganz einfacher Bauernsohn war, der da vor mir stand, ohne höhere Schulbildung. obwohl ich mir nicht allzuviel erwartete. […] als ich dann die ersten fertigen Kapitel bekam, konnte ich mich kaum fassen vor Staunen über die dichterische Gestaltungskraft, die aus jenen Zeilen sprach. Freilich, die äußere Gewandtheit und die nötige Routine fehltenzuweilen, abergerade da, was man nicht lernen kann und was einem angeboren sein muss, das künstlerische Formungsvermögen war in reichstem Maße vorhanden. […] Ich korrigierte jedes neue Kapitel des rasch wachsenden Werks, lehrte ihn die richtige Dialektschreibung, und machte ihn auf stilistische Ungeschicklichkeiten aufmerksam. […] Sein Einberufung zum Militär verhinderte die Vollendung des Werks, der letzte Abschnitt steht noch offen und ich hoffe nur, daß der Verfasser möglichst bald aus der russischen Gefangenschaft zurückkehren möge. Von dem fertigen Weerk verspreche ich mir einen großen Erfolg, es steht an literarischer Bedeutung Ludwig Thoma nur wenig nach und bildet sozusagen das klassische Werk des Berchtesgadener Bauerntums. [Zur Fertigstellung und Veröffentlichung des Buches siehe Kapitel Im Schatten des Hohen Göll von Hanns Angerer] Für die Bebilderung des Romans hatte Hans Angerer den Kunstmaler Gottfried Rasp vorgesehen, den er, da er auch ein gebürtiger Salzburger [Salzberger] war, von Jugend auf kannte. Sie hatten sich zwar damals schon etwas entfremdet, weil Rasp ein überzeugter Nazi und sogar Kreisschulungsredner war, während Angerer die Verlogenheit des Systems erkannt und sich rasch wieder abgewendet hatte. (Kriss 1948, 32–34)

Am zweiten Feiertag [Weihnachten, 1943] besuchte ich Hans Angerer von Ramsau, der gerade auf Urlaub war. Im Verlauf der Unterhaltung sagte er mir, daß Friedel Rasp mit den bestellten Federzeichnungen nicht recht weiter machen wollte, weil er wohl annehme, daß er, Angerer, nicht entsprechend zahlen könne. Ich erwiderte, diese Sorge könnte ich ihm leicht abnehmen, indem ich selber zu Rasp ginge und ihm ein gutes Honorar verspreche, unter der Bedingung, daß er den Auftrag rasch ausführe. So machte ich mich dann zwei Tage später auf den Weg zu Rasp. […] Ich war ein wenig geistesabwesend als ich zu Rasp kam und das war mit ein Grund, warum ich es im Gespräch an der nötigen Vorsicht fehlen ließ. […] Es kann wohl sein,daß ich mich in meinen Antworten zu weit hinreißen lies und die Äußerung, daß der Nationalsozialismus Persönlichkeiten nicht gelten lasse und die Menschen zu Lügnern erziehe, ist auch tatsächlich gefallen, […] Trotzdem schieden wir nicht in Unfrieden. […] Ich ging also beruhigt weg und dachte an nichts Böses. Als am 11. Jan. [1944] in der Frühe zwei Gestapo-Beamte bei mir in der Koppenleiten erschienen, um eine Haussuchung vorzunehmen, da erinnerte ich mich nicht im entferntesten an das Gespräch mit Rasp. […] Die Haussuchung verlief natürlich ergebnislos, trotzdem brachte man mich zu einem Verhör auf das Büro der Gestapo zum Kriminalrat Schmidbauer, einem widerlichen fetten Kerl, mit dem Gesicht eines brutalen Bullenbeißers. Er erkärte mir, er müsse mich wegen eines politischen Gesprächs in Haft hehmen. Nach einigen Vorfragen rückte er endlich mit der Anzeige des Gottfried Rasp heraus (Kriss 1948, 36–39)

So ungewöhnlch Kriß´ Worte sind, die er zur Beschreibung von Kriminarats Schmidbauer benutzt, so verwirrend und schwer verständlich sind die Informationen, die im Internet zu dessen weiteren Lebenslauf verfügbar sind: Aus Wikipedia: Schmidbauer ist im Münchener Adressbuch von 1943 mit Wohnsitz in der Großfriedrichsburgerstraße 2 verzeichnet. In den Münchener Adressbüchern von 1953, 1961 und 1966 ist Schmidbauers Ehefrau Barbara dann jeweils als Kriminaldirektorswitwe (“Krim.dir.we.”) mit Wohnsitz in der Großfriedrichsburgerstraße 2 verzeichnet. Er muss somit nach 1943 und vor 1953 verstorben sein. https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Schmidbauer An anderer Stelle https://www.forum-der-wehrmacht.de/index.php?thread/57097-konrad-josef-schmidbauer-1895-1945/ findet sich folgender Eintrag: Der Kriminal-Direktor Conrad Josef Schmidbauer, katholisch, wohnhaft in Berchtesgaden-Stanggaß, Reichssicherheitsdienst, ist am 8. Mai 1945 um 14 Uhr 30 Minuten in Obergern, Steinbichllehen verstorben. Eingetragen auf mündliche Anzeige der Frau Doktor Seidenböck, wohnhaft in Berchtesgaden. Die Anzeige ist amtsbekannt und ist vom Ableben des Verstorbenen aus eigener Wissenschaft unterrichtet. Todesursache: Freitod durch Kopfschuß.

Die dramatischen Ereignisse von seiner Verhaftung durch die SS am 11. Januar 1944 in der Koppenleiten bis zu seiner Rückkehr nach Berchtesgaden am 13. Mai 1945 sind sehr detailliert in seinem Buch beschrieben. Beginnend mit einem 4 stündigen Verhör, dem Transport nach München, der Einlieferung in das Gestapogefängnis folgte ein 9 monatiger Aufenthalt im Gefängnis Neudeck. Am 19. September wurde ihm die Anklage des Volksgerichtshof zugestellt mit dem Befehl des sofortigen Abtransports nach Berlin in das Gefängnis Moabit. Am 25. September folgte die etwa siebenstündige Verhandlung unter Leitung des Präsidenten Freisler mit der Zeugenvernehmung von Friedl Rasp und als Entlastungszeugin Felicie Hüni-Mihacsek (der Kriß den Verlauf des Gesprächs mit Rasp unmittelbar danach mitgeteilt hatte). Bemerkenswert ist, dass damit der Schein eines fairen Prozesses gewahrt werden sollte und mit der Begründung Freislers, es käme der Aussage von Hüni-Mihacsek eine viel geringere Bedeutung zu, indem nämlich Rasp über ein Gespräch selbst, während sie nur ein Gespräch über ein Gespräch zu berichten habe - auch die Glaubwürdigkeite der Zeugin nicht direkt in Zweifel gezogen wurde. Dennoch ist davon auszugehen, dass das Urteil von vorneherein feststand: Urteil wegen Wehrkraftzersetzung. Er wird mit dem Tode bestraft.

In der Zelle für Todeskandidaten in Moabit erreichte Kriß am 25.Oktober eine Mitteilung durch den Gefängnispfarrer, am 16. November die offizielle Benachrichtigung über die Umwandlung des Todesurteils in Lebenslänglich Zuchthaus. Kriß wurde danach mit vielen Mitgefangenen nach Straubing überstellt. Es folgte eine beinahe zwei Monate dauernde, furchtbare, groteske Irrfahrt unter teilweise entmenschlichten Zuständen zu Fuß, mit dem Rad, auf Leiterwägen durch halb Deutschland. Nach Freilassung, erneuter Verhaftung erfolgte am 30. April 1945 die endgültige Befreiung durch die Amerikaner. Es dauerte allerdings noch bis zum 13. Mai bis er in in Berchtesgaden eintraf, und ihm von Verwandten, Freunden und den Brauerei-Angestellten ein stürmischer Empfang bereitet wurde. Ich erfuhr nun die ersten Neuigkeiten aus der engeren Heimat, daß ich sehnlichst erwartet werde, daß die Amis bereits eine Suchexpedition ausgesandt hätten, daß ich Bürgermeister werden sollte und anderes mehr.(Kriss 1948, 129)

Von der amerikanischen Besatzungsmacht wurde Kriß am 28.Mai 1945 zum Bürgermeister Berchtesgadens ernannt. Das Amt hatte er bis zum 13. März 1946 inne. Danach gehörte er für die CSU dem Kreistag von Berchtesgaden an. Er engagierte sich auch lokalpolitisch, äußerte z.B. 1949 seine Sorge, dass die Erhaltung des Berghofs auf dem Obersalzberg von den sogenannten Unbelehrbaren auch als Reliquie gewertet werden und der Mythenbildung dienlich sein könne. Diese Sorge war 1951 vergessen, als viele Berchtesgadener mögliche Sprengungen der Obersalzberg-Ruinen als diktatorische Maßnahmen landfremder Elemente und eine Diskriminierung des Berchtesgadener Landes [Berchtesgadener Anzeiger 8.08.1951] sahen. Letzendlich setzte sich aber die Besatzungsmacht durch, die mit der bayerischen Staatsregierung die Beseitigung der Ruinen vereinbart hatte.

Seine wissenschaftlichen Tätigkeiten setzte Kriß zuerst in Salzburg, dann in München fort. Zudem unternahm er Forschungsreisen u. a. nach Nordafrika und erweiterte seine private Sammlung auf insgesamt ca. 14.000 Votivgaben und anderer Zeugnisse religiöser Volkskunst, die hauptsächlich aus dem Alpenraum stammten (siehe Kapitel Sammlung Kriss). Er starb am 15.8.1973 in Berchtesgaden.

5 Im Schatten des Hohen Göll von Hanns Angerer

Die erste Auflage des Buches Im Schatten des Hohen Göll von Hanns Angerer erschien im Jahr 1954. Aus der Widmumg zur 1. Auflage: Dem Andenken an den unvergessenen Volkskundler Universitätsprofessor Dr. Rudolf Kriß aus Berchtesgaden gewidmet. Vom Verfasser.

Eine zweite Auflage wurde 1976 im Verlag Morsak veröffentlicht. Die Zusage des Inhabers des Morsak Verlages erreichte Hanns Angerer noch kurz vor seinem Tod am 6.09.1976.

Im Schatten des hohen Göll von HANNS ANGERER, (Angerer 1976)

Hanns Angerer beschreibt in seinem Buch in romanhafter Form das Leben, das die Menschen am Obersalzberg führten, die Bräuche im Jahresverlauf, verschiedene Stationen im Wechsel eines Lebens mit Dialogen in echtem Berchtesgadener Dialekt. So sind z.B. einzelne Kapitel überschrieben mit Der Hennentanz (Polterabend), Bei der Holzarbeit, Berchtesgadener Bauernhochzeit, Bergbauernleich. Einen direkten Bezug zur Arbeit von Prof. Kriss ergibt sich bei den Kapiteln Das Glöcklsingen und Weihnachtszeit, die das Thema Weihnachtsschießen und verwandte Bräuche zum Gegenstand haben. Zu berücksichtigen ist, das der Roman wohl um das Jahr 1877 spielt (Angerer 1976, 127) und in diesem Sinn eine Ergänzung zur wissenschaftlichen Arbeit von Prof. Kriss darstellen könnte.

Aus: Das Glöcklsingen. Acht Tage lang, jeden Nachmittag nach dem Drei-Uhr-Schlag bis zum Heiligenabend tun sie eine schwache Viertelstund Christkindlläuten. Wenn von der Stiftskirche die Glocken schallen, ziehen die Mannerleut und die Buam ihre Hüte herunter und beten für sich: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.” Die Kinder laufen ihren Häusern zu, rennen in die Stuben und schreien gottesfürchtig: „Christkindlläutn teans, Christkindlläutn, loosts.” (Angerer 1976, 101)

Der Brauch des Glöcklsingens wurde später - zu regional unterschiedlichen Jahren - umgewandelt zu einem Böllerschießen einzelner Weihnachtsschützen vor ihren Privathäusern (selten noch vor bäuerlichen Anwesen), sodaß im Jahr 2023 keine gottesfürchtigen Sprüche zu hören sind, sondern in Berchtesgaden in der Weihnachtswoche um drei Uhr die Touristen fragen: „Was ist hier eigentlich los? Warum wird hier geschossen?”

Im 2. Teil im Buch von Prof. Kriss - der geschichtliche Entwicklungs des Brauchtums der Berchtesgadener Weihnachtsschießens - werden die zahlreichen Erlasse und Verbote - das nächtliche Schießen betreffend - erwähnt, unter anderem einen Erlass des Königlichen Amtsgerichts Berchtesgaden im Jahren 1859, der auch im Roman von Hanns Angerer eine Rolle spielt, ebenso wie die weitgehende Ignorierung der Verbote. Aus: Weihnachtszeit. „Dös Mettenschiaßn is a guater alter Brauch. Es is a oits Herkemma und es sollt a ewigs Dableibn habn. Und wenn a heuer wieder im ganzen Bertsgadner Land umeinand san und s´Schiaßn verboten habn: Dös habns schon öfters tan. Im Jahr 1859 habn d´Salzberger und d´Restner aufm Egger-Satttl obn, drent hinter der österreichischn Grenz, als Protest gschoßn. […] Zuguterletzt hatten es sich die Schützen nämlich doch nicht nehmen lassen und sich trotz des Verbotes zum größten Teil auf ihren altgewohnten Plätzen versammelt. Sie ließen es darauf ankommen, weil sie damit rechneten, daß sich die Behörde doch nicht trauen würde, ihrer gleich mehrere Hundert auf einmal einzusperren […] Schwer rollt das Echo der Böllerschützen über die tief verschneiten Wälder und Berge und feierlich mischt sich der Klang des Glockengeläutes zum Beginn der Christmette darein. Die Mettengeher bleiben stehen und schauen, sie wetteifern mit ihren Schützen und freuen sich über den Hall. Aber dem diensttuenden Rayongendarmen (Bezirkspolizist) ist diese verbotswidrige gröbliche Schießerei zuwider. […] Die Herrn Amtsbrüder und ihre Weibsbilder tun daher recht beleidigtund verschließen sich sich aus Protest in ihren Stuben und gehen nicht einmal mehr in die Christmette. Die für sie in der Stiftskirche reservierten Plätze sind heute beim Hochamt ganz leer. (Angerer 1976, 112, 124–25)

Ähnliche Szenen werden für das mitternächtliche Neujahrs-Anschießens im Jahr 1877 beschrieben.

Das Buch von Hanns Angerer enthält 30 Zeichnungen unterschiedlichen Formats (Zeichnungen: Friedl Rasp, Schönau).

Zeichnung von Friedl Rasp (Angerer 1976, 88)

6 Sammlung Kriss

Schon während seiner Studentenzeit verwandte Kriß einen erheblichen Teil seiner Zeit und seines Vermögens auf eine rege Sammlertätigkeit - er sammelte vor allem Votivgaben. Bereits nach wenigen Jahren betrachteten Fachleute seine immer umfangreicher werdende Sammlung mit Anerkennung; deren theoretische Fundierung war die Basis seine Habilitation im Jahr 1934 in Wien.

Die Eröffnung seiner ständigen Ausstellung 1936 Sammlung für Deutsche Religiöse Volkskunde in der Neuen Burg in Wien bezeichnet er selbst als einen gewissen Abschluss und einen scheinbaren Höhepunkt in seiner Lebensbahn.

Bis 1939 waren die Bestände seiner Sammlung in der Neuen Burg ausgestellt, dann verschwanden sie zunächst im Depot und wurden schließlich in einem Salzbergwerk ausgelagert und dadurch über den Krieg gerettet.

Nachden zunächst 1947 seine während des Krieges ausgelagerte Sammlung in Salzburg wieder öffentlich zugänglich gemacht wurde, erlangte die 1951 auf etwa 25000 Objekte angewachsene Sammlung europaweite Bedeutung; umso bemerkenswerter war die Übergabe dieser Sammlung an den Bayerischen Staat als Stiftung. Das Bayerische Nationalmuseum eröffnete 1961 eine Daueraustellung eines erheblichen Teil dieser Sammlung, strukturiert und nach einem überzeugenden Konzept präsentiert von Kriss-Rettenberg - einem Adoptivsohn von Prof. Kriss.

Kurzvideo des BR zur Sammlung Kriss im Bayerischen Nationalmuseum aus dem Jahr 1961

Umfangreiche Sanierungsarbeiten mit der Schließung zahlreicher Abteilungen des Bayerischen Nationalmuseums in München erforderten einen - wenigstens so geplant - vorübergehenden Umzug der Sammlung in das Zweigmuseum im Herzogschloß Straubing im Jahr 1995. Dazu existiert eine Veröffentlichung von Nina Gockerell aus Anlaß der Einrichtung der Sammlung mit einem Vorwort von Dr. Reinhold Baumstark, Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums.(Gockerell 1995)

Ab dem Jahr 2007 war die Sammlung in reduzierter Form ins Zweigmuseum Kloster Asbach bei Rotthalmünster untergebracht, um schließlich einem derzeit nicht ganz geklärtem Schicksal entgegenzusehen.

Dazu zunächst ein Zitat aus einem Beitrag von Carola Zimmer für Bayern2 vom 3.10.2015:

Heute befindet sich der größte Teil der Sammlung Kriss im Depot des Bayerischen Nationalmuseums, wo den schönsten und interessantesten Stücken, wie von Kriss verfügt, eine Ausstellung gewidmet war. Sie musste 1994 weichen, als das Museum umgebaut wurde und wanderte zunächst ins Straubinger Herzogschloss, dann in reduzierter Form ins Kloster Asbach bei Rotthalmünster, wo sie nun auf ihre glückliche Heimkehr nach München wartet. https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/land-und-leute/die-sammlung-kriss-zinner100.html

Merkwürdig ist die Aussage auf der homepage des Museums Kloster Asbach (nachfolgendes Bild anklicken):

Hompage des Museums Kloster Asbach

Dort ist zu unter anderem zu lesen (Stand 12.10.2023):

Hinter dem Titel „Glaube und Bild” verbirgt sich eine einzigartige Sammlung von Bildern und Zeichen der Frömmigkeit, die der Volkskundler Rudolf Kriss (1903–1973) in zahlreichen Ländern Mitteleuropas zusammengetragen hat. Sie umfasst die Bereiche häusliche Andacht (Rosenkränze, Gebetbücher, Schnitzfiguren und Hinterglasbilder, Sakramentalien und Devotionalien), Christus-, Marien- und Heiligenverehrung (hauptsächlich außergewöhnliche Darstellungen aus der Passionsgeschichte) und schließlich das Wallfahrtsbrauchtum zu verehrten Gnadenbildern mit Votivgaben und Votivtafeln. Eintrag zuletzt geändert am 04.07.2023

Wohl näher an der Realität ist die Auskunft von Dr. Thomas Schindler (Bayerisches Nationalmuseum) nach einer email-Anfrage zur Sammlung.

Die Ausstellung in Kloster Asbach ist seit 2016 wegen Erneuerung der Brandmeldeanlage geschlossen. Für die Erneuerung der Anlage ist der Kulturkreis Kloster Asbach e. V. als Eigner der Liegenschaft zuständig. Diesbezügliche Fragen sind dort zu adressieren, ich/wir können hierzu keine Auskunft erteilen. Die Slg. Kriss ist größeren Teils in Kloster Asbach untergebracht und unterliegt dort den ganz allgemeinen konservatorischen Vorgaben an entsprechendes Sammlungsgut – sie ist also wohlverwahrt.
Mail Dr. Thomas Schindler Bayerisches Nationalmuseum vom 26.09.2023

Eine Anfrage an das zuständige Kulturreferat des Landkreises Passau (4.10.2023) bieb unbeantwortet.

Nachfolgend ein Kurzvideo des BR zum Kloster Asbach aus dem Jahr 2023 (In der Mediathek des BR nicht mehr aufrufbar; um youtube zu starten, Bild anklicken)

Kurzvideo des BR zum Kloster Asbach aus dem Jahr 2023

Stellt sich die - bisher unbeantwortete - Frage, ob die Sammlung Kriss auf ihre glückliche Heimkehr nach München wartet oder eher auf einen finanzstarken Investor, der möglicherweise mehr an dem für Asbach sicher wichtigen - derzeit ebenfalls geschlossenen - Wirtshaus interessiert ist, als an der Sammlung religiöser Volkskunst.

Nachtrag vom 21.01.2025: Eine zweite Anfrage an das Kulturamt des Landratsamts Passau wurde umgehend beantwortet:

Die Besitzer [Eigentümer ist nicht der Landkreis Passau] sind derzeit auf der Suche nach einem Käufer für das Objekt [Kloster Asbach]. […]
Was den weiteren Verbleib der Sammlung Kriss anbelangt - hier wurden wir informiert, dass dies mit Dr. Kammel in den kommenden Wochen bei uns im Haus besprochen werden soll.
Wann und wo die Sammlung für die Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden wird, kann ich heute leider nicht mitteilen.
Mail Landratsamt Passau - Kulturamt vom 21.01.2025

7 Fazit

Ein kurzes Fazit zur Würdigung von Prof. Kriss unter drei Aspekten:

  • literarische Bedeutung

Eine bisher kaum beachtete Dimension des Werkes von Rudolf Kriss stellt die literarische Qualität seiner Veröffentlichungen, insbesondere seiner Bücher, dar. Das Buch Im Zeichen des Ungeistes beschreibt sprachgewaltig und klar die Zeit von 1936 bis 1945, insbesondere seine Lehrtätigkeit in Wien zur Zeit von Austrofaschismus und beginnendem Nationalsozialismus, seine dramatischen Erlebnisse im Zusammenhang mit der Denunziation durch einen Spitzel in Berchtesgaden mit der daraus folgenden Verurteilung zun Tode und der Inhaftierung nach Umwandlung des Todesurteils.

Problem: Kriss hat das Buch Im Zeichen des Ungeistes als 4. Band meiner unter dem Titel: Schicksal und Wesenheit niedergelegten Lebensbeschreibung bezeichnet und auch gelegentlich von ihm geschriebene Novellen erwähnt. Es wäre sehr wünschenswert, wenn es aus seinem Nachlass zu weiteren Veröffentlichungen käme.

  • wissenschaftliche Bedeutung

Auch für Laien auf dem Gebiet der Volkskunde und Religionsgeschichte ist die wissenschaftliche Leistung von Prof. Kriss bewundernswert. Die Sammlung Kriss an historischen Orten, mit wechselnder Geschichte legt ein beredtes Zeugnis ab. Das spiegelt sich auch in der Aussage des Generaldirektors des Bayerischen Nationalmuseums, Dr.Reinhold Baumstark, aus dem Jahr 1995 wider:

Gerade die herausragenden Objekte der Sammlung Kriss nicht für mehrere Jahre in unzugänglichen Depots den Blicken der interessierten Bevölkerung zu entziehen, war seit Beginn der Bauplanung das Bestreben der Museumsleitung. (Gockerell 1995, 7)

Problem: Von 2016 bis heute ist die Sammlung Kriss nicht mehr öffentlich zugänglich. Damit wird bereits die Dauer der längsten bisherigen Auslagerungsphase (Kriegsbedingt von 1939 bis 1947) erreicht.

  • regionale Bedeutung

Prof. Dr. Rudolf Kriss war Gründer und in den Jahren 1962 bis 1969 1. Vorsitzender des Heimatkundevereins Berchtesgaden e.V.. Insbesondere seine Untersuchung der Sitte des brauchtümlichen Schießens (siehe (Kriß 1941)) wurde Kriss hoch angerechnet. Die Träger dieser Sitte waren die Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes, das Ansehen der Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land war und ist sehr groß. Für seine Forschungstätigkeit war das Weihnachtschießen aber nur ein Nebenaspekt:

Auch wenn zeitweise andere Themen wie etwa die Jahreslaufbräuche und die Tracht sowie die Tradition der Weihnachtsschützen in seiner Heimat Berchtesgaden hinzukamen, blieb die Wahlfahrtsforschung seine ureigenste Domäne. (Gockerell 1995, 9)

Problem: Die Fokusierung auf die Berchtesgadener Weihnachtschützen führte zu teilweise irreführenden Aussagen. Etwa aus der kurzen Ansprache des 2. Vorsitzenden Gernot Anders zum 40. Todestag von Prof. Rudolf Kriß: Vor allem der Vereinnahmung der Berchtesgadener Weihnachtsschützen durch das NS-Regime hat sich Kriss vehement widersetzt - nicht ohne Folgen für ihn. Es wurde ihm 1938 zunächst die Lehrbefugnis entzogen. (Berchtesgadener Anzeiger vom 17.08.2013)
Laut den Angaben in (Kriss 1948, 28) begann Kriß´ Engagement für die Weihnachtsschützen erst im Jahr 1941.

Problem: Die offensichtliche Homosexualität von Prof. Kriß wurde in der Region weitgehend totgeschwiegen und war vermutlich auch der Grund für den Einspruch der beiden Adoptivsöhne von Kriß gegen eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Nachlasses. Im Internet konnte nur ein einziger halbanonymer Hinweis gefunden werden:

… 1938 hatte das NS-Regime Kriß die Professur in Wien entzogen, Hauptgrund war seine unverhohlen kritische Einstellung Hitler und seinen Gefolgsleuten gegenüber, und wohl auch seine Homosexualität…
https://freidenkerin.com/tag/prof-dr-rudolf-kriss/

Ein im Januar 2025 erschienener Roman von Carolin Otto (Otto 2025) beschreibt Ereignisse in und um Berchtesgaden kurz nach Kriegsende und enthält u.a. die Schilderung einer zwei Jahre dauernden Liebesbeziehung der Figur Kriss zu einem Musiker des Nationaltheaters in München. Zur Figur des Dr. Rudolf Kriss in ihrem Roman schreibt die Autorin im Nachwort:

Sehr nah an der Wiklichkeit sind Figur und Geschichte von Dr. Rudolf Kriss […] In seinem Buch Im Zeichen des Ungeists beschreibt Kriss selbst seine Verurteilung und Freilassung. Diese Fakten habe ich genutzt. […] Aber der im Roman auftretende Kriss bleibt eine literarische Figur. Niemand weiß, wie der reale Kriss sich gefühlt hat. Seine Homosexualität ist nirgendwo festgehalten worden, seine Abneigungen, Zuneigungen und Liebesgeschichten sind meine Erfindung. (Otto 2025, 533)

References

Andree, Richard. 1904. Votive und Weihegaben des katholischen Volks in Süddeutschland. F. Vieweg und sohn Braunschweig. https://ia804703.us.archive.org/22/items/votiveundweiheg00andrgoog/votiveundweiheg00andrgoog.pdf.
Angerer, Hanns. 1976. Im Schatten des Hohen Göll. Verlag Morsak Grafenau.
Fröhlich, Elke. 1983. Bayern in der NS-Zeit. R. Oldenburg Verlag München Wien.
Gockerell, Nina. 1995. Bilder und Zeichen der Frömmigkeit. Bayerisches Nationalmuseum München.
Kriß, Rudolf. 1941. Das Berchtesgadener Weihnachtsschießen und verwandte Bräuche. Ed. Hölzel.
Kriss, Rudolf. 1948. Im Zeichen des Ungeistes. Filser Verlag München-Pasing. https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hl/id/2788778.
Kröger, B.A. Manuel. 2015. Die Inszenierung der Zauberflöte und das Verhältnis Rudolf Hartmanns unf Felicie Hüni-Mihacseks zum NS-Regime. GRIN Verlag München. https://www.grin.com/document/309426.
Otto, Carolin. 2025. Berchtesgaden. Bastei Lübbe AG. Köln.