Der COVID-19 Data Hub
Am 31. Dezember 2019 wurde der Ausbruch einer neuen Lungenentzündung unbekannter Ursache in Wuhan (China) bestätigt, am 11. Januar 2020 soll in Wuhan der erste von mehr als sieben Millionen Menschen am Coronavirus gestorben sein. Aus Deutschland wurde am 27. Januar 2020 die erste Ansteckung mit COVID-19 in Stockdorf bei München gemeldet. Am 11. März 2020 erklärte die WHO die bisherige Epidemie offiziell zur weltweiten Pandemie. Verursacht wurde die Erkrankung durch eine Infektion mit dem bis dahin unbekannten Coronavirus SARS-CoV-2.
Nur wenige Monate nach Beginn der COVID-19-Pandemie wurden die ersten PCR-Tests zum Nachweis des damals neuen SARS-CoV-2 eingesetzt. Diese Tests waren sehr wichtig, um infizierte Personen schnell identifizieren, in Quarantäne isolieren und ihre Kontaktpersonen nachverfolgen zu können. Parallel dazu wurde eine umfassende digitale Datenerfassung aufgebaut, und schon bald zeigte sich die Notwendigkeit eines Projekts, das den Forschern in allen Ländern einen einheitlichen Datensatz zur Verfügung stellt, um die Covid-19-Pandemie besser zu verstehen. Unter der Leitung von Emanuele Guidotti und David Ardia haben viele Studenten und Wissenschaftler den Aufbau des COVID-19 Data Hub ermöglicht. Eine erste Veröffentlichung ist am 10. Juli 2020 in The Journal of Open Source Software erschienen. (https://joss.theoj.org/papers/10.21105/joss.02376) Entscheidend war auch die Mitarbeit des R Core Teams - R ist eine freie Programmiersprache für statistische Berechnungen und Grafiken.
The goal of COVID-19 Data Hub is to provide the research community with a unified dataset by collecting worldwide fine-grained case data, merged with exogenous variables helpful for a better understanding of COVID-19.
Provides a daily summary of COVID-19 cases, deaths, recovered, tests, vaccinations, and hospitalizations for 230+ countries, 760+ regions, and 12000+ administrative divisions of lower level. Includes policy measures, mobility data, and geospatial identifiers.
Data source: COVID-19 Data Hub
https://covid19datahub.io.
Mit Hilfe des R-Paketes COVID19: R Interface to COVID-19 Data Hub konnten diese Daten eingelesen und bestimmte Länder (z.B.: Deutschland) oder sogar Regionen (z.B. administrative_area_level_3 = “LK Berchtesgadener Land”) ausgewählt werden. Der erste Parameter dieses Datensatzes trägt die Bezeichnung confirmed und enthält die Anzahl der bestätigten positiven Covid-19 Testergebnisse für jeden Tag.
Obwohl durch den COVID-19 Data Hub ein einheitlicher Datensatz zur Verfügung gestellt wird, gibt es zwischen den Ländern Unterschiede in der Datenerhebung. Die Erhebung der Zahl der positiven Testergebnisse erfolgte in Deutschland nach folgendem Verfahren:
- Auf Landkreisebene (z.B. LK Berchtesgadener Land) wurden positive Testergebnisse vom jeweiligen Gesundheitsamt/Landratsamt erfasst (Meldepflicht) und an das zuständige Landesamt weitergeleitet.
- Auf Länderebene (z.B. Bayern) wurden vom Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit die von den regionalen Gesundheitsämtern übermittelten Daten zusammengefasst und die Werte an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet.
- Auf Bundesebene werden die gemeldeten Daten vom RKI (jeweils an einem Tag bis 0.00 Uhr) aufbereitet, bestimmte Parameter (z.B. die sog. Inzidenz oder 7-Tage-Inzidenz) berechnet und der Öffentlichkeit tagesaktuell über dashboards oder in Tabellenform zur Verfügung gestellt. Dabei mussten auch die von den Gesundheitsämtern (zum Teil mit mehr als einer Woche Verzögerung) nachgemeldeten Fälle einbezogen werden; auch diese Fälle wurden vom RKI dem Datum der Meldung an das örtliche Gesundheitsamt zugeordnet und tauchten somit erst verspätet in der Statistik auf. Die Daten des RKI sind ebenfalls in den COVID-19 Data Hub eingeflossen.
Zunächst jedoch ein Blick auf die Rohdaten aus dem COVID-19 Data Hub (hier die Variable confirmed), die frei und kostenlos zugänglich sind, für deren Auswertung jedoch Grundkenntnisse der statischen Datenanalyse und der Statistikumgebung R erforderlich sind. Damit konnte der zeitliche Verlauf der Anzahl der gemeldeten positiven COVID-19-Tests im Landkreis Berchtesgadener Land im Jahr 2020 dargestellt werden.
Die 7-Tage-Inzidenz
Die bisher beschriebene absolute Zahl der gemeldeten positiven COVID-19-Tests ist für einen Vergleich zwischen verschiedenen Populationen (Regionen) nicht geeignet. Hierfür ist eine Bezugsgröße (Nenner) erforderlich. Zwei mögliche Standardisierungen erscheinen sinnvoll:
- Einwohnerzahl einer Region (z.B. eines Landkreises, wenn alle positiven Test eines Landkreises gemeldet werden)
- Anzahl der insgesamt durchgeführten Test innerhalb einer Region
Der Parameter, der frühzeitig - zunächst bis zum 1. September 2021 - das einzige Instrument der deutschen Gesundheitspolitik zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus war, basiert auf einem gleitenden Mittelwert mit einer Fensterbreite von 7. Dieser Mittelwert positiver Tests wird dann auf 100.000 Einwohner einer Region bezogen (Mittelwert dividiert durch Einwohnerzahl mal 100.000). Abgesehen von der Standardisierung auf die Einwohnerzahl unterscheidet sich die 7-Tage-Inzidenz in zwei Punkten von der im vorigen Abschnitt dargestellten Größe:
- Anstelle des Mittelwertes wird die Summe der positiven Covid-19-Testergebnisse verwendet.
- Diese Summe wird als Datum dem Wert am rechten Rand des Fensters zugewiesen (anstelle des Standardwerts in der Mitte).
Während die Anzahl der gemeldeten positiven COVID-19-Tests in den aktuellen Medien nicht beschrieben und diskutiert wurde, fand diese 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner bereits kurz nach Beginn der Pandemie eine weite Verbreitung. In der Lokalpresse wurden die tagesaktuellen Werte für jeden Landkreis veröffentlicht und zusätzlich mehr oder weniger aufwendige Übersichtsgrafiken erstellt. Diese Werte konnten auch - mit Hilfe des COVID-19 Data Hub - eigenständig berechnet und damit besser verstanden werden. Nachfolgend eine so erzeugte Darstellung des zeitlichen Verlaufs der 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner differenziert nach allen Stadt- und Landkreisen Bayerns.
Die 7-Tage-Inzidenz diente als Entscheidungsgrundlage für die Bekämpfung der Pandemie. Die Fokussierung auf diesen einen Parameter ist etwas überraschend. Wie bereits erwähnt, kam es fast ständig zu Nachmeldungen von postiven Covid-19 Testergebnissen der lokalen Gesundeitsämter, wobei das RKI diese Fälle dann rückwirkend dem Datum zuordnete, an dem die Meldung beim Gesunheitsamt erfolgte. Dadurch änderten sich auch nachträglich die 7-Tage-Inzidenzen. Die Verschiebungen konnten genau verfolgt werden, da der COVID-19 Data Hub auch vintage data zur Verfügung stellte.
Research reproducibility
As most governments are updating the data retroactively, we provide vintage data to simplify reproducibility of academic research. These are immutable snapshots of the data taken each day. We gratefully acknowledge financial support by the R Consortium in maintaining the vintage data.
Das Problem dieser fehlerhaften Inzidenzwerte wurde auch bereits 2020 in der Presse (z,B, Spiegel, SZ) benannt.
RKI veröffentlicht häufig zu niedrige Inzidenzwerte
Die Daten dienen als Entscheidungsgrundlage zur Pandemie-Bekämpfung. Allerdings werden sie im Nachhinein häufig nach oben korrigiert. Wenn die Inzidenz unterschätzt wird, ist das kein theoretisches Problem, sondern hat reale Folgen. […] Der Statistiker Helmut Küchenhoff von der Universität München und der Mathematiker Moritz Kaßmann von der Universität Bielefeld: “Bei der Methode des RKI fällt ein Teil der Fälle unter den Tisch. Das ist problematisch”, sagt Küchenhoff. Die RKI-Zahlen ergeben sich aus einer bundesweiten Datensammlung. Die Meldung eines positiven Corona-Tests erfassen die Gesundheitsämter in den 401 einzelnen Landkreisen und kreisfreien Städten. Von dort wandern die Daten weiter an die Landesgesundheitsbehörden. Diese fassen die Meldungen zusammen und melden ihre Werte an das RKI. Doch nicht alle diese Fälle fließen in die Inzidenzberechnung ein. Denn das RKI ordnet die Fälle demjenigen Datum zu, an dem sie den Kreisbehörden vor Ort gemeldet wurden. Bei einem Teil der Fälle liegt dieses Datum so weit zurück, dass der Fall aus dem Sieben-Tages-Fenster herausfällt. Jene Infektion wird dann der Vorwoche zugeordnet - deren Inzidenz erhöht sich also im Nachhinein. Doch diesen korrigierten Wert nimmt niemand mehr zur Kenntnis. Rückwirkend lässt sich keine Schule schließen. Rückwirkend lässt sich keine Ausgangssperre verhängen. “Die Methode des RKI ist geeignet, um den Verlauf der Pandemie möglichst präzise abzubilden”, sagt der Mathematiker Kaßmann, “als tagesaktuelle Grundlage für Entscheidungen ist sie aber untauglich.” Doch genau diese Verwendung sieht das Gesetz vor. Die im Nachhinein korrigierten Werte nimmt niemand mehr zur Kenntnis. […]
Christian Endt und Benedict Witzenberger
SZ 22. Dezember 2020
https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/coronavirus-inzidenz-rki-fallzahlen-1.5154797
Trotz der Warnungen, dass sie als tagesaktuelle Grundlage für Entscheidungen untauglich sind bilden die 7-Tage-Inzidenzen des RKI die Basis für die Ende 2020 und Winter/Frühjahr 2021 folgenden Allgemeinverfügungen und Gesetze zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite.
Am 19. Oktober 2020 wurde vom Landratsamt Berchtgadenaden eine Allgemeinverfügung zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 im Landkreis Berchtesgadener Land aufgrund steigender Fallzahlen erlassen:
Allgemeinverfügung
Detailierte Beschreibung von Maßnahmen Allgemeine Ausgangsbeschränkungen, Veranstaltungsverbot, Betriebsuntersagungen, Besuchsverbote, Schulen und Tagesbetreuung für Kinder, Jugendliche und junge Volljährige , Maskenpflicht im öffentlichen Raum
Diese Allgemeinverfügung tritt mit Wirkung vom 20.10.2020, 14:00 Uhr in Kraft. Diese Allgemeinverfügung gilt zunächst bis 2.11.2020, 24.00 Uhr.
Begründung: […]
Bei Überschreitung des Wertes von 50 Infektionszahlen pro 100.000 Einwohner ist es deshalb notwendig, konsequente Gegenmaßnahmen zu ergreifen, damit das Ermitteln der infektionsrelevanten Kontakte und die Durchbrechung der Infektionsketten durch häusliche Isolierung als wirksames Mittel gegen die Weiterverbreitung zeitnah umgesetzt werden kann. Die Anordnungen dienen vor diesem Hintergrund auch dem Zweck, das Contact Tracing in ausreichendem Maße zu ermöglichen und die Gesundheitsbehörde handlungsfähig zu halten.
Bad Reichenhall, den 19. Oktober 2020
Landratsamt Berchtesgadener Land
Bernhard Kern, Landrat
Da sich jedoch das angekündigte Ende dieses Lock-downs (nach zwei Wochen) bald als illusorisch erwies, wurde ein bundesweites Gesetz zum Schutz der Bevölkerung erlassen, das einen Schwellenwert für die 7-Tage-Inzidenz enthält.
Drittes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite
Das Gesetz ist am 19. November 2020 in Kraft getreten.
Das Gesetz entwickelt die bisherigen Regelungen der beiden im März und Mai 2020 beschlossenen Bevölkerungsschutzgesetze fort. Die während der Pandemie gemachten Erfahrungen, neue Erkenntnisse über das Coronavirus SARS-CoV-2 und seine Verbreitung fließen in die verschiedenen Regelungen ein. […] So können betroffene Regionen insbesondere bei einer Überschreitung eines Schwellenwertes von über 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb sieben Tagen umfassende Schutzmaßnahmen ergreifen, die eine effektive Eindämmung des Infektionsgeschehens erwarten lassen.
Berlin, den 18. November 2020
D e r B u n d e s p r ä s i d e n t S t e i n m e i e r
D i e B u n d e s k a n z l e r i n Dr. A n g e l a M e r k e l
D e r B u n d e s m i n i s t e r f ü r G e s u n d h e i t J e n s S p a h n
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/drittes-bevoelkerungsschutzgesetz.html https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/B/3._BevSchG_BGBl.pdf
Nachdem eine Frühjahrswelle 2021 die Inzidenzzahlen erneut ansteigen ließ, wurde ein weiteres Bundesgesetz zum Schutz der Bevölkerung erlassen. Diesmal wurde sogar ein Automatismus mit der 7-Tage-Inzidenz als Steuerungsparameter eingebaut.
Viertes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite
Der Bundestag hat das folgende Gesetz beschlossen: […] Verordnungsermächtigung
(1) Überschreitet in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt an drei aufeinander folgenden Tagen die durch das Robert Koch-Institut veröffentlichte Anzahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen (Sieben-Tage-Inzidenz) den Schwellenwert von 100, so gelten dort ab dem übernächsten Tag die folgenden Maßnahmen: [Es folgt eine Liste von starken Einschränkungen bis zum totalem Verbot betreffend zehn Unterpunkte - von privaten Zusammenkünften über die Öffnung von Ladengeschäften, Theatern, Gaststätten bis zur Verfügungstellung von Übernachtungsangeboten zu touristischen Zwecken ]
Das Robert Koch-Institut veröffentlicht im Internet unter https://www.rki.de/inzidenzen [Seite existiert nicht mehr] die Sieben-Tage-Inzidenz der letzten 14 aufeinander folgenden Tage. Die nach Landesrecht zuständige Behörde macht in geeigneter Weise die Tage bekannt, ab dem die jeweiligen Maßnahmen nach Satz 1 in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt gelten. Die Bekanntmachung nach Satz 3 erfolgt unverzüglich, nachdem aufgrund der Veröffentlichung nach Satz 2 erkennbar wurde, dass die Voraussetzungen des Satzes 1 eingetreten sind.
Berlin, den 22. April 2021
D e r B u n d e s p r ä s i d e n t S t e i n m e i e r
D i e B u n d e s k a n z l e r i n Dr. A n g e l a M e r k e l
D e r B u n d e s m i n i s t e r f ü r G e s u n d h e i t J e n s S p a h n
D e r B u n d e s m i n i s t e r d e s I n n e r n , f ü r B a u u n d H e i m a t H o r s t S e e h o f e r
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/B/4_BevSchG_BGBL.pdf
Erst kurz vor der Bundestagswahl am 26. September 2021 erfolgte ein Abkehr von der bisherigen Strategie, die Maßnahmen gegen die Pandemie einzig und allein, automatisch, an die Infektionszahlen zu koppeln. Siehe dazu den Änderungsantrag vom 7. Sept. 2021:
Künftig sollen sich Maßnahmen gegen die Pandemie vor allem an der Zahl der Krankenhausaufnahmen orientieren, beschließt der Bundestag. Bisheriger Maßstab waren die Infektionszahlen.
Corona-Politik: Bundestag stimmt für Hospitalisierung als neuen Richtwert
In der letzten Sitzung vor der Bundestagswahl haben die Abgeordneten Änderungen beim Infektionsschutz zugestimmt. Dazu zählen auch Möglichkeiten zur Impfstatus-Abfrage.
Für den weiteren Kampf gegen die Corona-Pandemie im Herbst und Winter hat der Bundestag einige Neuregelungen beschlossen. Die Abgeordneten stimmten mit breiter Mehrheit dafür, dass als wichtigste Messlatte für mögliche neue Beschränkungen künftig die Zahl der Corona-Patienten in den regionalen Kliniken dienen soll. Sie löst die bisherige Orientierung an den Infektionszahlen ab, die angesichts des Impffortschritts nicht mehr als so aussagekräftig gelten. […]
Die Änderungen am Infektionsschutzgesetz ermöglichen, dass die Bundesländer künftig weitgehend vor Ort festlegen können, ab wann strengere Alltagsbeschränkungen nötig werden. “Wesentlicher Maßstab” für zu ergreifende Maßnahmen soll insbesondere die Zahl aufgenommener Corona-Patientinnen in den Kliniken je 100.000 Einwohner in sieben Tagen sein. Berücksichtigt werden sollen aber auch “weitere Indikatoren”. Genannt werden die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen in sieben Tagen, verfügbare Intensivkapazitäten und die Zahl der Geimpften. Die Länder sollen dann festlegen können, wo kritische Schwellenwerte liegen. […]
Hintergrund ist, dass sich die bisher als zentraler Indikator genutzte Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen angesichts von Millionen Geimpften nicht mehr so stark und direkt auf die Klinikbelastung durchschlägt. Bisher waren im Infektionsschutzgesetz feste, einheitliche Werte genannt, ab welcher Sieben-Tage-Inzidenz die Länder oder Behörden vor Ort einschreiten sollen.
ZEIT ONLINE 7. September 2021
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-09/corona-politik-hospitalisierungsrate-indikator-beschraenkungen-bundestag-beschluss
Den Änderungen stimmten die Abgeordneten der regierenden Koalition aus CDU/CSU und SPD zu, alle anderen Parteien stimmten dagegen.
Kalenderwochen-Inzidenz und Intensivbettenbelegung in Deutschland
Besonders bemerkenswert ist der Hinweis auf die abnehmende Korrelation zwischen der 7-Tage-Inzidenz und der Klinikbelastung (z.B. gemessen an der Anzahl der mit Cocid-19-Patienten belegten Intensivbetten). Leider wurde dieser Effekt erst spät berücksichtigt, obwohl er von Anfang an aus den verfügbaren Daten des COVID-19 Data Hub hätte abgeleitet werden können. In der folgenden Abbildung wird anstelle einer gemittelten 7-Tage-Inzidenz eine Inzidenz pro Kalenderwoche verwendet (wegen der besseren Möglichkeiten einer weitergehenden statistischen Analyse), sowie pro Kalenderwoche ein Mittelwert der Anzahl der mit Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten.
Die Darstellung des Zusammenhangs zwischen der Kalenderwochen-Inzidenz und der Intensivbettenbelegung in Deutschland ist auch geeignet einzelne Wellen der Pandemie zu differenzieren und ggf. unterschiedlichen Virus-Varianten zuzuordnen.
Am 7. April 2023 erklärte Karl Lauterbach (SPD) - der nach den Bundestagswahlen 2021 am 8. Dezember 2021 Nachfolger von Jens Spahn (CDU) als Bundesgesundheitsminister wurde - die Corona-Pandemie für beendet.
Die Aufarbeitung der Pandemie dauert jedoch weiter an.
Aufarbeitung der Pandemie
Nachdem am 7. April 2023 der rechtliche Rahmen für die Corona-Schutzmaßnahmen ausgelaufen war. ist immer wieder von der notwendigen Aufarbeitung der Corona-Pandemie die Rede - insbesondere als Voraussetzung für eine innerstaatliche Gesetzgebung. Geschehen ist bisher sehr wenig.
Covid-Aufarbeitung / Literatur
An dieser Stelle sei nur das Buch von Drosten/Mascolo (Drosten and Mascolo 2024) erwähnt.
Covid-Aufarbeitung / Bundesregierung
Aufarbeitung der Pandemie: Wer will noch über Corona reden?
Beinahe wäre das Thema in der Schublade verschwunden. Denn die Ampelregierung konnte sich auch in diesem Punkt nicht einigen: Sollte die Coronapandemie mit ihren Abstandsregeln, Bundesnotbremsen, Impfdebatten und Maskenpflichten in einem Bürgerdialog aufgearbeitet werden – so wie es die Österreicher erprobt haben? Dafür hatten sich Bundeskanzler Olaf Scholz und die SPD ausgesprochen. Oder wäre eine Enquetekommission im Bundestag, die sich dem Gegenstand mit Gutachten nähert und Experten zur Anhörung einlädt, der bessere Weg? So wollte es die FDP. Die Grünen wiederum zeigten sich unentschlossen und für alles offen. Daraus folgte, dass man sich zuerst zeitraubend auf nichts einigte und dann, es war Ende Juni – auf beides. Also auf Bürgerrat und Enquete. Danach stritt man sich allerdings so lange über das “Wie”, dass die Debatte angesichts der akuten Krisen unterging. Und Anfang November zerbrach dann ja die Regierung. […] <
Zeit 18. Dezember 2024
https://www.zeit.de/2024/54/aufarbeitung-pandemie-covid-19-corona-umfrage-buergerdialog
Covid-Aufarbeitung /Gewählte Volksvertreter
Corona-Risikobewertung: Heftige Kritik an Lauterbach 28. November 2024
Weil der Gesundheitsminister in der Corona-Pandemie nachweislich das Robert-Koch-Institut ausgebremst hat, werden nun Forderungen nach Rücktritt und politischer Aufarbeitung laut.
[…] Interne E-Mails, die SZ, NDR und WDR vorliegen, zeigen, dass der damalige RKI-Präsident Lothar Wieler erstmals Anfang Februar 2022 die Risikobewertung von „sehr hoch“ auf „hoch“ senken wollte. Dies lehnte Lauterbach persönlich wiederholt ab. Erst Anfang Mai erfolgte dann die Risikoanpassung. Die Einflussnahme sei ein „Skandal“, sagte Stephan Thomae, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, nach Bekanntwerden der Vorgänge dem Spiegel. […] Auch der gesundheitspolitische Sprecher der FDP, Andrew Ullmann, forderte politische Aufarbeitung: „Die neuesten Enthüllungen über das Verhalten Karl Lauterbachs schockieren“, sagte er der Bild. Lauterbach habe sich in „vollkommener Selbstherrlichkeit über alle Fakten und Expertenmeinungen hinweggesetzt“, so Ullmann. „Wir brauchen einen Untersuchungsausschuss.“ Dieser Forderung schloss sich die BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht an. Sie warf Lauterbach im Spiegel vor, er habe sich in der Corona-Zeit nicht von der Wissenschaft leiten lassen, „sondern von persönlicher Wichtigmacherei“. Der FDP-Bundesvize Wolfgang Kubicki forderte zum wiederholten Mal Lauterbachs Rücktritt. Dieser sei „unvermeidlich, wenn es bei Karl Lauterbach noch irgendetwas wie politischen Restanstand geben sollte“, sagte Kubicki der Deutschen Presse-Agentur.
Suedeutsche Zeitung, 28. November 2024
https://www.sueddeutsche.de/politik/lauterbach-rki-corona-risikobewertung-mails-fdp-ruecktritt-untersuchungsausschuss-lux.RD5S8BeVnoMbYFkEy33ePV
Nochmals ein Blick auf die mittels dem COVID-19 Data Hub erzeugten Abbildungen, die eventuell zur Klärung der in dieser Phase der Corona-Zeit vorliegenden Faktenlage beitragen könnten.
Fazit
Mit dem Aufbau des COVID-19 Data Hub wurde ein sehr mächtiges Instrument geschaffen, das viele Möglichkeiten der detaillierten statistischen Datenanalyse eröffnet hat. Die frühe Verfügbarkeit, die Konstanz der Datenerhebung, die einfachen Zugriffsmöglichkeiten (zumindest in der R-Community) und die Möglichkeit, mit vintage data die Interpretation und die Grenzen des lange Zeit dominierenden Instruments der deutschen Gesundheitspolitik - der 7-Tage-Inzidenz - besser zu verstehen, sind wichtige Voraussetzungen, um Desinformation, Verschleierung und mangelhafte Forschung zu vermeiden und stattdessen dazu beizutragen Zahlen einen Sinn zu geben.
Es gibt viele wissenschaftliche Publikationen, die im Literaturverzeichnis mit einem Verweis auf Guidotti, E., Ardia, D., (2020), “COVID-19 Data Hub”, Journal of Open Source Software 5(51):2376, doi: 10.21105/joss.02376 versehen sind, der auf die Nutzung des COVID-19 Data Hub hinweist. Diese sind in der Regel nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt, sondern setzen Expertenwissen voraus.
Leider neigen auch Statistik-Experten häufig dazu, in Beiträgen - auch für die breite Öffentlichkeit - neue advanced methods zu propagieren und deren (möglicherweise geringen) Vorteile zu beschreiben und zu diskutieren.
Selten wird auch das Problem der oft fehlenden Statistischen Grundbildung zum Verständnis von Corona-Statistiken angesprochen.(Zum Thema Statistische Grundbildung zum Verständnis von Corona-Statistiken siehe auch das Interview mit Prof. Norbert Heinze https://notizen-gerd-welzl.netlify.app/posts/post-statisticalthinking/)
Auch für Journalisten und Politiker wären Ten Rules for Thinking Differently About Numbers (Untertitel von How to Make the World Add Up (Harford 2020)) hilfreich. Die Noch- Bundestagsabgeordneten Wagenknecht, Thomae, Ullmann und Kubicki (siehe Covid-Aufarbeitung /Gewählte Volksvertreter) kämen dann vielleicht zu einer anderen Einschätzung von sich nicht von der Wissenschaft leiten lassen.
