1 Bergfriedhof Berchtesgaden
Grab von Dr. Johannes Stark
Am 9.07.2013 erschien im Berchtesgadener Anzeiger ein Artikel mit der Überschrift Ausflug in die Vergangenheit. Gegenstand des Berichtes ist eine geschichtliche Führung, angeboten von Alfred Spiegel-Schmidt.
Die Führung ging dabei über den 1948 errichteten Bergfriedhof, um an verschiedenen Gräbern die Lebensgeschichte bekannter Menschen kennenzulernen, die früher im Berchtesgadener Talkessel gelebt und auch gewirkt hatten.
Neben vielen bekannten Persönlichkeiten (Bergführer, Schuldirektor, Sportler, Schriftsteller, Kunstmaler, Unternehmer, Politiker) fällt ein Hinweis etwas aus den Rahmen:
Eine besondere Persönlichkeit muss auch Dr. Johannes Stark gewesen sein, der 1919 den Nobelpreis für Physik erhalten hatte, sich aber einen weiteren wissenschaftlichen Lebensweg verbaute, da er die neue Quantentheorie von Einstein vehement ablehnte.
(Ziitate aus: Berchtesgadener Anzeiger, 9.07.2013)

Nicht viele Informationen - aber ein Nobelpreisträger, der sich seine wissenschaftliche Karriere verbaut, weil er eine Theorie ablehnt - klingt doch sehr interessant.
2 Lebenslauf
2.1 1874 - 1913 Aufstieg bis zur Entdeckung des Stark-Effekts
Von Anfang an: Johannes Stark wurde am 15. April 1874 im Weiler Schickenhof bei Dürnast (Oberpfalz) als Sohn eines Landwirts geboren. Nach dem Schulbesuch in Bayreuth und Regensburg (Abitur 1894) studierte Stark an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Physik, Mathematik, Chemie und Kristallographie. Die weitere wissenschaftliche Karriere verlief steil: 1897 Promotion bei Eugen von Lommel (LMU München), 1900 Habilitation und 1906 Ernennung zum außerordentlichen Professor (Universität Göttingen). 1905 entdeckte er den optischen Dopplereffekt bei Kanalstrahlen. Ab 1906 arbeitete Stark an der Technischen Hochschule Hannover, wo es jedoch zu Kontroversen mit seinem Vorgesetzten kam. Bereits zu dieser Zeit hatte Stark zahlreiche kleinliche Auseinandersetzungen mit anderen Physikern, die sich meist um die seiner Meinung nach nicht korrekte Beachtung von Urheberrechten drehten. 1909 erhielt er seine erste ordentliche Professur an der RWTH Aachen, die er bis 1917 innehatte.
Der Anfang der Aachener Zeit ist noch gekennzeichnet durch ein ungetrübtes Verhältnis zur modernen Physik. So versuchte Stark den jüngeren Einstein als Assistenten an sein Institut zu holen.
(Hess 2006, p 15)
Auch mit Einstein kam es 1912 zu ersten Zerwürfnissen im Rahmen eines Prioritätsstreits um eine gemeinsame Publikation.
1913 gelang der Nachweis der Aufspaltung und Verschiebung von Spektrallinien durch die Wirkung eines elektrischen Feldes (Stark-Effekt).
2.2 1914 - 1921 Erste Anzeichen von völkischem Rassismus und Antisemitismus und Verleihung des Nobelpreises
Auch nach der Entdeckung des Stark-Effekts gingen die Probleme mit Starks Kollegen weiter.
Ein letzter von Stark ausgetragener Konflikt vor dem Ersten Weltkrieg verdient Erwähnung, weil er ein Schlaglicht auf eine bisher unerwähnte Eigenschaft Starks warf: seinen Antisemitismus. 1914 hatte Stark große Hoffnungen, nach Göttingen berufen zu werden. Offenbar lehnte man ihn dort aufgrund seines Charakters ab. Der Lehrstuhl ging an einen Schüler des im Wissenschaftsbetrieb einflussreichen Sommerfeld. Der enttäuschte Stark äußerte nun, diese von vornherein abgesprochene Besetzung sei das Werk eines jüdischen und pro-semitischen Zirkels um Sommerfeld gewesen.
(Hess 2006, p 16)
Während aus der Zeit vor Kriegsausbruch 1914 keine Berichte überliefert sind, in denen Stark einen besonders ausgeprägten Nationalismus zum Ausdruck brachte, häufen sich in den Jahren nach 1914 nationalistische Anzeichen (z.B. Stolz, ein chauvinistischer Physiker zu sein, Streichung aller französischen und englischen Namen aus dem Autorenverzeichnis seiner Zeitschrift).
Spätestens 1918 war Stark also beim völkischen Rassismus angelangt, den er jedoch vorerst nur in persönlichen Briefen gegenüber Vertrauten äußerte.
Nach Ende des Krieges begann Stark außerdem, politisch aktiv zu werden. 1917 war er in das wissenschaftlich konservative Greifswald, in ein stark nationalistisch geprägtes Universitätsmilieu gewechselt. […] Nach eigenen Angaben besuchte er Versammlungen gegen die „Sozialdemokratie und die Roten”, […]
Auch sein Verhältnis gegenüber der modernen Physik begann sich nun zu wandeln. […] 1917 kritisierte er die Allgemeine Relativitätstheorie bereits auf eine Art, die […] schwerlich wissenschaftlich zu nennen ist. […] „Sie [eine alte Arbeit eines konservativen Physikers] ist physikalisch gut durchdacht und ist mir sympathischer als so manche theoretische Arbeit unserer Tage, welche mit einer Art didaktischmathematischer Zauberei die Lösung schwieriger physikalischer Probleme erfolgreich vortäuscht”.
(Hess 2006, p 17 - 18)
1919 wurde die Entdeckung des nach ihm benannten Stark-Effekts mit dem Nobelpreis gewürdigt; Starks Karriere erreichte ihren Höhepunkt.
Doch schon in seiner Nobelpreisrede kritisierte er die neue Quantentheorie.
Stark […] verstieg sich mehr und mehr zu einer totalen Ablehnung des gesamten Wissenschaftszweigs, seiner Methoden sowie seiner Ergebnisse und Schlussfolgerungen. […] In den Jahren 1919 bis 1921 stieg er durch diese Haltung „von einem angesehene Mitglied der Gemeinschaft der Wissenschaftler zu einem akademischen Außenseiter” ab.
(Hess 2006, p 18 - 19)
In dieser Zeit verlor Stark sein Verständnis für die fortgeschrittene Physik (schon früh hatten sich Schwächen auf dem Gebiet der theoretischen, mathematisierten Physik gezeigt) und wandte sich verstärkt der Wissenschaftspolitik zu. Um den Einfluss der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) zurückzudrängen, gründete er 1919 die Fachgesellschaft deutscher Hochschullehrer der Physik. Aber auch dieser Versuch, die theoretische Physik zu schwächen, scheiterte.
Das Resultat seines Engagements war eine noch tiefer gesunkene Reputation und eine weitere Erfahrung des Scheiterns. Stark begann nun, sein Interesse und seine Energie auf die geschäftliche Nutzung von physikalischem Know-how zu lenken. Er hatte schon vorher mit physikalischen Verfahren zur Herstellung von Porzellan experimentiert und unter Verwendung des Nobelpreisgeldes eine Porzellanfabrik gegründet. Durch diese Forschung geriet er jedoch in den Verdacht, kommerzielle Forschung in seinem Würzburger Institut [1920 Wechsel an die Universität Würzburg] zu betreiben. darüber hinaus verstieß seine Investition des Nobelgeldes gegen ungeschriebene Gesetze. Als Stark seinen Schüler Ludwig Glaser über Eigenschaften des Porzellans promovieren ließ, was Glaser den scherzhaften Titel „Dr. porz” einbrachte, weitete sich die Kritik an Starks kommerziellen Interessen zum Skandal aus. Dieser vermutete eine Verschwörung der Einstein-Befürworter und legte aus Protest sein Würzburger Ordinat nieder. Er rechnete offenbar damit, die ebnfalls 1922 vakanrt gewordene Stelle des Präsidenten der Physikalisch-Tecnischen Reichsanstalt, eines wichtigen Dachverbandes der deutschen physikalischen Forschung, berufen zu werden. Der Reichsminister des Inneren nominierte jedoch den Physiker Walther Nernst.[…] Stark wurde unterdessen offenbar als unhaltbar angesehen. Sein Versuch, nach Würzburg zurückzukehren, sowie alle darauf folgenden Versuche, eine neue universitäre Anstellung zu erlangen, schlugen fehl; sechs mal wurde er zu einer Berufung in Betracht gezogen und abgelehnt. Elf Jahre war er vom Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen. 1933 gelang ihm unter neuen Machthabern die Rückkehr zur Universität.
(Hess 2006, p 17 - 20)
2.3 1922 - 1933 Starks Weg zu Hitler
Stark zog sich 1922 in seine Heimat nach Ullersricht (bei Weiden) zurück und war zeitweise Hauptaktionär der Bavaria Porzellanmanufaktur AG - Konkurs 1931) sowie Ziegeleibesitzer.
Nach dem Verlust seines Lehrstuhls 1922 kapselte sich Stark von der akademischen Welt ab. Eine Beschränkung auf das Private und Geschäftliche als bayerischer Porzellanfabrikant konnte Stark jedoch nicht akzeptieren. Stark trat in die lokale völkische Politik Weidens, seines Wohnsitzes, ein. […] Ein Abgesandter des Verbandes Werwolf habe ihm vorgeschlagen, Hermann Ehrhardt, den Gründer des Freikorps `Brigade Ehrhardt´ und der Organisation Consul´ zu treffen.
(Hess 2006, p 17 - 20)
Zu Brigade Ehrhardt:
Freikorps, im Februar 1919 hervorgegangen aus der 2. Marinebrigade, dem schlagkräftigsten der drei Marine-Korps, das besser unter dem Namen seines Kommandeurs Hermann Ehrhardt (1881-1971) bekannt war. Die Brigade Ehrhardt wurde im April 1919 gegen die Räterepublik in München eingesetzt und war maßgeblich am gescheiterten Kapp-Putsch im März 1920 beteiligt. Sie wurde zum 31. Mai 1920 aufgelöst, ihre aktionsbereiten Teile gruppierten sich im Geheimbund der “Organisation Consul” (O.C.) neu. Teile der Brigade wurden in die Reichsmarine aufgenommen und dauerhaft in die militärische Ordnung eingefügt. Der weiterhin aktionsbereite Teil der Offiziere und Unterführer der früheren Brigade schloss sich unter dem Schutz des Polizeipräsidenten von München, Ernst Pöhner (1870-1925), im Sommer 1920 in Bayern zu einer geheimen Arbeitsgemeinschaft zusammen. Ihre ebenfalls in den Süden ausgewichenen Soldaten wurden in Oberbayern in der getarnten Auffangorganisation der “Bayerischen Holzverwertungsgesellschaft” untergebracht.
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Brigade_Ehrhardt,_1919/20
Ein weiteres Treffen mit Vertretern der völkischen Verbände sei jedoch von Stark ausgegangen. Er habe Georg Escherich von der Organisation Escherich (Orgesch) zu sich nach Weiden eingeladen.
Zu Organisation Escherich:
Reichsweiter Dachverband der Einwohnerwehren mit bis zu 2 Mio. Mitgliedern, gegründet am 9. Mai 1920 in Regensburg. Die Leitung hatte Georg Escherich (1870-1941) inne, der Führer des Landesverbandes der Einwohnerwehren Bayerns; später geheime Fortsetzung derselben durch die Organisation Pittinger (später Bund “Bayern und Reich”).
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Organisation_Escherich_(Orgesch),_1920/21
Bemerkenswert ist, dass Stark nach beiden Gesprächen offensichtlich enttäuscht über das Fehlen eines politischen Programms war. In seiner Autobiographie schreibt Stark:
Mit ihm [dem völkischen Bund “Bayern und Reich”] hatte ich keine Verbindung, nahm aber das Angebot von seiten der Weidener Vereine, die Zusammenarbeit von ihnen allen herbeizuführen, gerne an, weil mir dies dringend notwendig erschien und auch der nationalsozialistische Verband, der etwas abseits für sich stand, herbeigeholt werden musste. Zwar war er in Weiden schwach, aber in München hatte er sich unter Führung von Hitler schon zu einer Partei mit festem Programm entwickelt, und bei dem Besuch einer Hitler-Versammlung in München im Zirkus Krone hatte ich von Hitler den besten Eindruck gewonnen.
(Stark, zitiert in Hess 2006, p 22)
Offensichtlich schätzte Stark an Hitler die ideologische Einheit von Theorie und Praxis, das Vorhandensein eines festen Programms. Noch vor dem Hitler-Putsch schrieb er 1923 an den bayerischen Generalstaatskommissar Gustav von Kahr:
Im Auftrage der Arbeitgemeinschaft der Vaterländischen Vereine Weidens gestatte ich mir, als ihr Vorsitzender, Eurer Exzellenz die Erklärung abzugeben, dass sie sich geschlossen hinter Eure Exzellenz stellen. … Sie wünschen sehnlichst, dass es Euer Exzellenz gelingen möge, alle vaterländischen Verbände Bayerns zu einigen und Herrn Hitler, der der deutschen Freiheitsbewegung die Bahn gebrochen hat, für die Mitarbeit zu gewinnen.
(Stark, zitiert in Hess 2006, p 23)
Nach dem Putsch vom 9. November 1923 gründete Stark eine politische Postille und übernahm die Herausgeberschaft der Volksgemeinschaft. Wochenschrift für Politik und Wirtschaft. In seiner Autobiographie rechtfertigt Stark sein publizistisches Engagement für den Nationalsozialismus:
Nach meiner Rückkehr nach Weiden wollte ich wenigstens in der nördlichen Oberpfalz die nationalsozialistische Aufklärungsarbeit fortsetzen durch Herausgabe einer kleinen Wochenschrift auf eigene Kosten. Ich nannte sie`Volksgemeinschaft´.
(Stark, zitiert in Hess 2006, p 23)
Die “Volksgemeinschaft” druckte unter anderem Hitlers Rechtfertigungsschrift vom 8. November ab, in der dieser seinen Putsch ankündigte, die bayerische Regierung, die Reichsregierung und den Reichspräsidenten für abgesetzt erklärte und sich selbst zum künftigen Reichspräsidenten und Reichskanzler ernannte.
Am 8. Mai 1924 veröffentlichte Stark zusammen mit Lenard den Artikel Hitlergeist und Wissenschaft in der Großdeutschen Zeitung. Tageszeitung für nationale und soziale Politik und Wirtschaft. Erstaunlicherweise ist es in diesem Fall selbst Experten nicht möglich, die Quelle im Original zu finden. Hier Auszüge aus einer Interpretation von J. Hess nach einer englischen Übersetzung:
Den Hintergrund der hier geäußerten Weltanschauung bildet ein starker völkischer Rassismus, der die Überlegenheit des „arisch-germanischen Blutes” behauptet. Gleichzeitig wird dieses Blut von einem „racially alien spirit” bedroht, der seit über 2000 Jahren mit Hilfe asiatischer Völker im Hintergrund wirkt und Christus ans Kreuz gebracht, Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannt und nun mit Maschinengewehren auf Hitler und Ludendorff geschossen hat. Das beschützenswerte „arisch-germanische Blut” ist der Träger des deutschen „Geistes”. Dieser deutsche „Geist” ist wiederum der einzige Geist, der zur Ausübung der Wissenschaft in der Lage ist. Er zeichnet sich durch Klarheit, Ehrlichkeit, innere Einheit und den „Hass auf jegliche Kompromisse” aus. Die Perfektion dieses Geistes finden die Autoren im „Hitlergeist”. […] Nach dem Versagen der Universitäten und Studenten bietet Hitler die einzige Hoffnung, den deutschen „Geist” zum Sieg über die dunklen Mächte zu führen.
(Hess 2006, p 24)
Stark behauptete später, dass Lenard der alleinige Verfasser dieses Artikels gewesen sei und er selbst nur eine Unterschrift geleistet habe. Sicher ist, dass Stark nach seinem Eintritt in die völkische Kommunalpolitik verstärkt politische Ziele verfolgte. Das Ergebnis der Reichstagswahlen vom 14. September 1930 - die NSDAP wurde mit 18,3 % der Stimmen zweitstärkste Partei hinter der SPD (24,5 %) - feierte er als überwältigenden Wahlsieg Hitlers in einer 32-seitigen Lobeshymne unter dem Titel Adolf Hitlers Ziele und Persönlichkeit von Dr. Johannes Stark Nobelpreisträger + Universitätsprofessor, die 1930 in einem NS-Verlag erschien. (Dr. Stark 1930). Es folgen einige Zitate aus dieser Schrift:
Zu I. Aus Hitlers Leben
Gerade der Akademiker, dem höhere Schule, Universität und die Fürsorge seiner Eltern das Studium leicht machten, muß darum Hitlers ebenso geniale wie tatkräftige Persönlichkeit aufs höchste bewundern. […] Und Adolf Hitler hat seinen Entschluß, Politiker zu werden, in einer Weise und mit einem Erfolge in die Tat umgesetzt, wie die deutsche Gechichte kein zweites Beispiel kennt. Dies soll die vorliegende Schrift zeigen.
zu II. Der Führer
Ich habe in den letzten Jahren mit vielen tüchtigen, zumeist akademisch gebildeten Männern aus allen möglichen Berufen über Hitler und seine Bewegung gesprochen, […] Es waren Männer von großer, zum Teil hervorragender Tüchtigkeit in ihrem Fache und beruflichen Wirkungskreis, von nationaler Gesinnung und nationalem Wollen. Sie lehnten aber fast alle Hitler und seine Bewegung ab. […] Und wenn ich ihnen auf das bestimmteste erklärte daß sie sich in krasser Unkenntnis über Hitler und seine Ziele befänden, und das sie zum mindesten sein Buch gelesen haben müssten, ehe sie die größte und zukunftsreiche Persönlichkeit im deutsche Volke so leichtfertig urteilten, dann schüttelten sie den Kopf und bedauerten, für eine Angelegenheit keine Zeit zu haben, welche ja doch bald sich totlaufen müsse.
Heute, nach dem überwältigenden Wahlsieg Hitlers am 14. September, werden viele deutsche Männer, die bis dahin Hitler falsch beurteilten, geneigt sein oder den Wunsch haben, seine Ziele und seine Ziele und Persönlichkeit genauer als bisher kennezulernen und die Antwort anzuhören, welche auf ihre wohl auch heute noch von ihnen vorgebrachte Einwände gegen Hitler gegeben werden kann.
zu III. Schlagworte und Wahrheit über Hitler
Es gibt zur Zeit in Deutschland keinen Mann, der mehr gehaßt und verleumdet wird als Hitler, seine Partei, die mehr Widerstand, Feindschaft amtlichen und nichtamtlichen Terror erfährt als die Nationalsozialistische Partei, Die Feinde und Verleumder Hitlers und seiner Bewegung verdienen kein Wort der Aufklärung. Sie wollen ja nicht die Wahrheit über Hitler, sondern die Lüge und die darauf gebaute Verhetzung. Wenn einer von ihnen diese Zeilen lesen sollte, so sei ihm nur zugerufen; Weh dir nach dem Siege Hitlers am Tage der Vergeltung!
Es gibt viele deutsche Männer und Frauen, welche national gesinnt sind und für das deutsche Volk das Beste wollen, aber Hitler gleichwohl zurückhaltend, mißtrauisch, ja ablehnend gegenüberstehen. Der Grund dafür ist, daß sie sich von dem Einfluß von Schlagworten und üblen Nachreden über Hitler nicht freimachen können. Für sie ist die nachstehende Aussprache über Vorwürfe und Bedenken bestimmt, die mir so oft schon von Freunden und Bekannten entgegengehalten wurden.
Nachfolgend die Liste dieser Vorwürfe und Bedenken; aus der sehr umfangreichen Widerlegung dieser Argumente werden nur einige Ausschnitte zitiert:
- „Ja, Hitler ist eben doch nur ein Demagoge.”
Welch eine Unkenntnis, welche Oberflächlichkeit, welch schweres Unrecht gegenüber dem größten deutschen Mann der Gegenwart, gegenüber dem Führer des ganzen deutschen Volkes in der Zukunft! […] Hitler „nur” ein Demagoge? Nein, er ist nicht nur ein großer Redner. Er ist viel mehr. Wer sich in sein Buch „Mein Kampf”vertieft, der erkennt und bewundert in ihm den den großen und tiefen Denker und den glänzenden Schriftsteller. Wer sein öffentliches Wirken, das Wachsen seiner Bewegung verfolgt und seinen heute für aller Augen zu Tage liegenden Erfolg bewertet, der erkennt in ihm den großen Tatmenschen, Organisator und Staatsmann, der rechnet mit ihm als dem Führer des deutschen Volkes.
- „Den Hitler-Putsch hätte er nicht machen sollen”
Welch Vergeßlichkeit und Oberflächlichkeit in der Bewertung geschichtlicher Vorgänge, welche Verkennung der wahren Absicht Hitlers steckt in diesem Aufruf! […] Nicht Hitler sondern der bayerische Generalstaatskommissar Kahr ist verantwortlich für alle die Vorgänge, welche später unter dem Schlagwort Hitler-Putsch in berechnender Hetze etikettiert wurden, […] Hitler denkt nicht daran, durch einen Putsch sein Ziel zu erreichen. […] Auch erkennt er die Voraussetzung für die Eroberung und Erhaltung der staatlichen Macht in der Gewinnung der Mehrheit des deutschen Volkes für die neue politische Weltanschauung. […] Nein, nicht ein Putsch, sondern die Erhebung des deutschen Volkes ist Hitlers Absicht.
- „Na, die Nationalsozialistische Partei wird auch nicht besser sein wie die anderen Parteien; ihre Führer werden auch nur Ministersessel haben und ihren Sack füllen wollen”
Die Wahrheit ist, daß Hitler in den parlamentarischen Parteien und in dem parlamentarischen Schacher und Schwindel eine tödliche Krankheit in dem deutschen Volkskörper sieht; immer wieder kommt in seinen Schriften und Reden ein unversöhnlicher Haß zum Durchbruch gegen die Parlamentswanzen, gegen die Parlamentslumpen, die aus persönlichen Interessen mithelfen, das Volk zu betrügen und auszuplündern. […] Hitler selbst, eine Persönlichkeit von so vertiefter Sittlichkeit, von so großem opfer- und kampfbereitem Idealismus, wird sich und seinen Zielen immer treu bleiben. Wenn es ihm lediglich um persönliche Macht zu tun wäre, dann würde er erst recht nicht mit der Teilung der Macht mit anderen Parteien zufrieden sein; denn er ist überzeugt, daß sich einst das ganze Volk der nationalsozialistischen Führung unterstellen wird.
- „Große Sorge macht das Wirtschaftsprogramm der Nationalsozialisten. Wird denn Hitler auch den schwierigen wirtschaftlichen Aufgaben gewachsen sein?”
Indes sind die Sorgen hinsichtlich der Einstellung Hitlers zur Wirtschaft in Wirklichkeit unbegründet. Dank seiner Genialität und Dank seiner Fähigkeit, die treibenden Ursachen von Erscheinungen zu erschauen, hat er auch auf dem ihm ursprünglich fremden Gebiete der Wirtschaft die Grundsätze erkannt, welche die Sicherung, die Entwicklung und das Gedeihen der Wirtschaft des deutschen Volkes gewährleisten. Und auf diese Grundsätze kommt es für den Führer eines Volkes an, nicht auf seine Erfahrung in wirtschaftlichen und finanziellen Operationen. […] Von weittragender und lebenswichtiger Bedeutung ist Hitlers Auffassung und Forderung hinsichtlich der Verhältnisse vo landwirtschaftlicher und industrieller Arbeit in der Gesamtwirtschaft des deutschen Volkes. Er will die Landwirtschaft und die bäuerliche Siedlung nicht alleine deswegen fördern, weil er in Blut und Boden die Grundlagen für die Existenz eines Volkes sieht, sondern auch deswegen, weil er für die industrielle Arbeiteinen zuverlässigen, aufnahmefähigen inneren Markt schaffen und damit das deutsche Volk auch wirtschaftlich unabhängig von dem Weltmarkt und seiner Ungunst machen will: […] Und selbst jetzt sehen unsere Regierungsmänner von Zentrum und Sozialdemokratie in ihrer erstaunlichen Unfähigkeit nicht den Hauptfehler, den sie Jahre hindurch gemacht haben; die dauernde Schwächung der Kaufkraft des inneren Marktes, vor allem der Landwirtschaft; das Schwätzen von der Weltwirtschaft, wo in Wirklichkeit eine Krise der deutschen Wirtschaft vorliegt; sie kürzen den Beamten und Angestellten die Gehälter, und schwächen so noch mehr die Kaufkraft; sie sehenzu, wie der Bauer für seinen Roggen noch weniger als vor dem Kriege bekommt, ja ihn kaum verkaufen kann und damit natürlich außerstande ist, Ware vo der Industrie zu kaufen.
- „Ich fürchte, die Nationalsozialistische Arbeiterpartei ist im Grunde doch auch eine sozialistische Partei wie die Sozialdemokratie. Und wenn sie es noch nicht ist, dann wird sie es noch, denn sie muß den Massen noch mehr versprechen, um sie der Sozialdemokratie auszuspannen.”
Wer aber Hitlers Schriften kennt und seine Reden hört, der muß geradezu lachen über einen so ungeheueren Irrtum, über eine so oberflächliche Beurteilung des Marxismus und des Nationalsozialismus. Die zwei Bewegungen sind nicht Verkörperungen dseselben wirtschafftlichen Strebens in zwei verschiedenen Formen; sie sind Organisationen zweier entgegengesetzter Weltanschauungen, von denen innerhalb des deutschen Volkes die eine (Nationalsozialismus) die andere (Marxismus) vernichten wird.
1. Der Marxismus ist international; er verlangt den Glauben, daß alle Völker gleich sind, leugnet den Wert des einzelnen Volkes mit Ausnahme des jüdischen und stellt die Interessen der Internationalität über die Interessen der deutschen Nation. Er leugnet den Wert der Persönlichkeit und ersetzt ihren Einfluß durch die Majorität von gleichgesetzten Stimmen.
2. Der Nationalsozialismus ist national. Er ist vom Wert des einzelnen Volkes überzeugt und kennt und vertritt gegenüber den anderen Völkern nur die Interessen des deutschen Volkes. Er anerkennt die maßgebende Bedeutung der Persönlichkeit für jeglichen Fortschritt und fordert Unterordnung der Masse unter einen fähigen und verantwortlichen Führer.
- „Wie stehen denn Hitler und sein Bewegung zur katholischen Kirche? Man hört doch öfter, sie seien Feinde von Religion und Kirche.”
Jene Lüge, Hitler ist ein Feind der katholschen Kirche, ist um so gemeiner und niederträchtiger, als sie im Mantel der Frömmigkeit und der Arbeit für die katholische Kirche herumschleicht und einfache, kritikunfähige Menschen einzufangen versucht.
Hitler ist nicht ein Feind von Kirche und Religion. Im Gegenteil lehnt er auch nur ein Antasten der Kirche in dem Kampfe seiner Bewegung auf das schroffste ab.
2.4 1933 - 1939 Karriere unter den Nationalsozialisten
Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 waren für Stark die besten Voraussetzungen geschaffen, um in der durch den Aufstieg Hitlers grundlegend veränderten politischen Landschaft mit ihren Auswirkungen auf Forschung und Wissenschaft eine neue wissenschaftliche Karriere zu beginnen. Hatte Stark, wie bereits erwähnt, zunächst gemeinsam mit Einstein für eine neue, auf Quantenvorstellungen beruhende Atomtheorie gekämpft, so lehnte er nun die Quantentheorie und andere Teile der modernen Physik vehement ab und kämpfte für eine arisch deutsche Physik. Dies führte zur Verunglimpfung aller, die sich nicht der deutschen Physik anschlossen (z.B. Heisenberg, Einstein) und zur Schaffung eines Gegensatzpaares
- abstrakte jüdische Physik
versus
- begreifbare deutsche Physik.
Schon im Jahr 1933 nutzte er seine neuen Beziehungen. Am 30.11.1933 unterzeichneten in Berlin Max Planck und Karl Wagner den für Johannes Stark formulierten Wahlantrag zur Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften, die jedoch durch einen Einspruch des Physikers Max von Laue in der Sitzung am 14.12.1933 verhindert wurde. Schließlich wurde Stark jedoch im Dezember 1933 vom Reichsinnenminister Wilhelm Frick zum Präsidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin ernannt, ein Jahr später auch zum Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 1934 erklärte er, dass nun in Verbindung mit dem Reichsinnenministerium … umfangreiche Forschungen auf dem Gebiet der Rassenhygiene eingeleitet worden. Eines seiner Lieblingsprojekte war der - natürlich gescheiterte - Versuch, Gold aus bayerischen Mooren zu gewinnen.
Für Stark war nun endgültig die Zeit gekommen, mit seinen wissenschaftlichen Gegnern abzurechnen. Einstein war für ihn die Verkörperung des jüdischen Geistes; jüdischen Wissenschaftlern fehle generell die Fähigkeit zu wahrhaft schöpferischer Arbeit in den Naturwissenschaften, zu der nur Träger der nordisch-germanischen Rassenseele in der Lage seien.
Dennoch hinterließen seine Reden, sein Anspruch, von nun an der Führer der Physik zu sein, einen verheerenden Eindruck bei seinen Kollegen. Stark war sich bewusst, dass sein Plan, Hochschule und Forschung im deutschen Sinne zu entwickeln, auf erbitterten Widerstand der führenden deutschen Physiker stoßen würde, hoffte aber, diesen Widerstand mit Hilfe der regierenden Nationalsozialisten brechen zu können. Aber auch seine Parteinahme in den innerparteilichen Auseinandersetzungen der Nationalsozialisten und seine ständigen Konflikte mit dem Reichswissenschaftsministerium wurden Stark zunehmend lästig.
Im September 1936 kündigte Hitler einen Vierjahresplan an, der die deutsche Wirtschaft in wenigen Jahren »kriegsfähig« machen sollte. […] Mit der wachsenden Einbindung der Forschung in den Vierjahresplan änderte sich der Blick des Regimes auf die Naturwissenschaften, die nun weniger als (potentielle) Ideologieproduzenten, sondern vor allem als Träger nützlichen Expertenwissens wahrgenommem wurden.
(Grüttner 2024, 474)
Schließlich führte eine groß angelegte Kampagne von Walter Frank, dem Präsidenten des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, gegen Mitarbeiter Starks am 12. November 1936 zu dessen Rücktritt als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. An seiner NSDAP-Mitgliedschaft und seinem Antisemitismus änderte sich dadurch nichts. Im Gegenteil: 1937 erschien in Das Schwarze Korps - einem Organ der SS - ein Artikel, der den Antisemitismus auf das Paar Juden und Judenfreunde ausdehnte (hier einige Auszüge):
Es gibt eine primitive Art des Antisemitismus, die sich darauf beschränkt, den Juden an sich zu bekämpfen. […] Diese Anschauung ist zwar bestechend durch ihre Einfachheit, krankt aber an einem Denkfehler. […] Es geht nicht um den Juden „an sich” sondern um den Geist oder Ungeist, den sie verbreiten.
Denn nicht der Rassejude an sich ist uns gefährlich gewesen, sondern der Geist, den er verbreitete. Und ist der Träger dieses Geistes nicht Jude, sondern Deutscher, so muss er uns doppelt so bekämpfenswert sein als der Rassejude, der den Ursprung seines Geistes nicht verbergen kann. Der Volksmund hat für solche Bazillenträger die Bezeichnung „Weißer Jude” geprägt.
Die Wissenschaft vom jüdischen Geist zu säubern, ist die vordringlichste Aufgabe, denn dem „Weißen Juden”, dem wir im Alltag begegnen, können wir wohl mit den Mitteln der Polizei und schärferer Gesetze beikommen, eine jüdisch verseuchte Wissenschaft aber ist die Schlüsselstellung, von der aus das geistige Judentum inmmer wieder maßgebenden Einfluß auf alle Lebensgebiete der Nation erringen kann.
Am klarsten erkennbar ist der jüdische Geist wohl im Bereich der Physik, wo er in Einstein seinen „bedeutensten” Vertreter hervorgebracht hat. […] Der in den letzten Jahrzehnten vordringende jüdische Geist hat die dogmatisch verkündete, von der Wirklichkeit losgelöste Theorie, in den Vordergrund zu schieben gewusst. Durch spitzfindige Verallgemeinerung vorhandener Erkenntnisse, durch geschicktes Jonglieren mit mathematischen Formeln, durch vernebelnde Zweideutigkeiten wurde die Alleinherrschaft solcher Theorien begründet.
Heisenberg ist nur ein Beispiel für manche andere. Sie allesamt sind Statthalter des Judentums im deutschen Geistesleben, die ebenso verschwinden müssen wie die Juden selbst.
(Stark 1937)
Eigentlich ist es überflüssig zu erwähnen, wie irrsinnig diese Verknüpfung von Neigungen, methodischen Vorlieben und technischen Fähigkeiten mit einer rassistischen Ideologie ist - dennoch ein kurzer Hinweis auf den jüdischen Physiker Paul Ehrenfest. Als Inhaber des Lehrstuhls für theoretische Physik in Leiden betonte Ehrenfest nach 1927 seine Abneigung gegen die Richtung, die die theoretische Physik eingeschlagen hatte:
Echte physikalische Intuition werde ersetzt durch schwere mathematische Artillerie, und Formeln rückten an die Stelle von Materie, Atomen und Energie.(Labatut 2023)
Paul Ehrenfest beging am 25. September 1933 in Amsterdam Selbstmord, nachdem er seinen behinderten Sohn - den er zuvor vor den Nazis gerettet hatte - erschossen hatte.
Das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland, dessen Präsident 1936 maßgeblich an Starks erstem Rücktritt beteiligt gewesen war, verlieh ihm 1937 die Ehrenmitgliedschaft als besonders verdienstvolles Mitglied der Forschungsabteilung Judenfrage.
Die letzten Jahre bis zu seiner Emeritierung 1939 waren von weiteren Zerwürfnissen und zunehmender Isolierung im Kollegenkreis geprägt.
Die Korrespondenz zwischen Lenard [Nobelpreis für Physik 1905] und Stark zeigt, dass beide sich seit 1936 zunehmend isoliert fühlten und Schwierigkeiten hatten, ihre Attacken gegen die Repräsentanten der modernen Physik weiter in der nationalsozialistischen Presse unterzubringen. […] Dennoch verfügten Lenard und Stark in der Partei weiterhin über Unterstützer, und gelegentlich verzeichneten sie sogar erstaunliche Erfolge. Ihr größter personalpolitischer Triumph fiel in das Jahr 1939, als ein dezidierter Gegner der Relativitätstheorie und zweitrangiger Physiker, der Aerodynamiker Wlhelm Müller, nach langem Tauziehen anstelle von Werner Heisenberg auf den Lehrstuhl für Theoretische Physik an der Universität München berufen wurde.
(Kleinert 1983)
Dennoch kam für Stark die Erkenntnis, dass er von seinem einst so verehrten Führer und von führenden Nationalsozialisten keine Unterstützung mehr erwarten konnte, nicht völlig überraschend. Bereits 1933 findet sich in einem Brief an Phillipp Lenard (Eppenstatt, Post Traunstein, 20.4.1933) folgender Absatz:
Nicht die Juden und unsere sonstigen Gegner fürchte ich, sondern die Anmaßung, den Neid und die Intrige in den führenden nationalsozialistischen Kreisen. Wir müssen auch hier die Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Leute wie ich und Sie sind im nationalsozialistischen Führerkreis nicht geschätzt. Erstens sind wir alt und allein schon darum minderwertig; zweitens haben wir etwas geleistet und dies empfinden viele in der Umgebung Hitlers als einen Vorwurf für sich; drittens sind wir Männer der Wissenschaft, denen nicht große Worte, sondern nur klare Erkenntnisse imponieren und Wissenschaft ist Hitler grundsätzlich unsympathisch. Wenn wir darum uns in diesem Kreise melden und uns zur Mitarbeit zur Verfügung stellen, so empfindet man dies als lästig und läßt es uns auch merken.
(Kleinert 1980 p 35-36)
2.5 1939 - 1957 Ruhestand und Nachkriegszeit
Nach Erreichen des 65. Lebensjahres (1939) hoffte Stark auf einen ruhigen Lebensabend in Eppenstatt und Traunstein. Doch schon der Bau eines Hauses auf der Wartberghöhe verlief nicht ohne Auseinandersetzungen mit dem Kreisbaumeister. Nach der Fertigstellung bewohnte das Ehepaar Stark das neu erbaute Haus, Sohn Hans bewirtschaftete Eppenstatt.
Der weitere Lebensweg soll hier nicht näher beschrieben werden. Er verlief alles andere als friedlich; zunächst bis 1945 geprägt vom Kampf mit Parteibonzen, nach dem Einmarsch der Amerikaner von zwei Gerichtsurteilen: 1947 Spruchkammerurteil in Traunstein mit der Einstufung als Hauptschuldiger (Kriegsverbrecher, vier Jahre Arbeitslager) und die Berufungsverhandlung 1949 in München mit der Einstufung als Mitläufer (1000 Mark Geldstrafe).
Johannes Stark verstarb am 21.06.1957 in seinem Haus in Wartberg. Seine Asche wurde auf dem Friedhof in Haslach beigesetzt und am 28.10.1970 auf Veranlassung seines Sohnes (damals wohnhaft in Marktschellenberg) nach Berchtesgaden überführt.
3 Würdigung in Weiden
Als es in den 60er Jahren um die Neutaufe der Weidener Oberrealschule ging war nach NT-Informationen [NT=Neuer Tag] auch der Name Starks im Gespräch. Doch wegen dessen Nähe zu den Nazis verwarf das Lehrerkollegium den Vorschlag. Seit 1965 kennen wir diese Bildungsatätte als “Kepler-Gymnasium”. Weshalb der umstrittene Physikername dann - etwa zehn Jahre später - eine neue Straße in der Mooslohe schmücken durfte, bleibt ein Geheimnis der damalige Stadträte. […] Auch in Weiden waren es Bürgervertreter im Rathaus, die sich 1975 für diese Form der Würdigung des Oberpfälzer Nobelpreisträger entschieden.
Onetz 15.05.
Der heikle Umgang mit dem NS-Erbe
65 Jahre nach Kriegsende sind die braunen Spuren in der Oberpfalz nicht getilgt. Straßenschilder ehren noch immer Anhänger der Nazis.
Jahrzehntelang hatten die Städte Amberg und Weiden kein Problem damit. Warum sollte man nicht den einzigen Nobelpreisträger aus der Oberpfalz mit einem Straßennamen ehren? […] Erst in den letzten Jahren kamen Diskussionen über ein Umbenennung auf. Mit unterschiedlichen Ergebnissen. In Amberg wurde die „Johannes-Stark-Straße” in „Heinrich-Hertz-Straße” umbenannt freilich erst im Dezember letzten Jahres. In Weiden beließ es der Stadtrat per einstimmigen Beschluss am 11. Mai 2009 nach vielen Diskussionen bei dem alten Straßennamen.
Ein Zusatzschild soll jetzt über die historische Rolle Starks informieren.
Onetz 31.05.2008

Der Text des Zusatzschildes lautet:
Aufgrund seiner antijüdischen Publikationen und seiner Mitgliedschaft in der NSDAP wurde er nach dem Krieg vor Gericht gestellt, als Hauptschuldiger eingestuft und zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt. Das Urteil wurde später wieder aufgehoben.1
4 Fazit
Ein Ortswechsel, neue regionale Tageszeitung, zufällige Entdeckung eines 10 Jahre alten Artikels mit der Überschrift Ausflug in die Vergangenheit mit einem Hinweis auf den Physiknobelpreisträger J. Stark, der sich seinen weiteren wissenschaftlichen Lebensweg verbaute, da er die neue Quantentheorie von Einstein vehement ablehnte.
Verwunderung über die geringe Kenntnis vom Leben dieses Wissenschaftlers - geboren in einem Weiler ganz in der Nähe des Wohnortes von Verwandten, beruflich und politisch aktiv in meiner Heimatstadt Weiden, einige Jahre gemeinsame Schulzeit mit einer Enkelin Starks - bis vor kurzem alles mir unbekannt.
Verblüffung über zielgerichtete politische Aktivitäten vor Hitlers Machtergreifung, zur frühzeitigen Verbreitung nationalsozialistischer Aufklärung und mit dem Ziel, den deutschen „Geist” bereits 1924 zum Sieg über die dunklen Mächte zu führen (später gab es nur noch von Hitler Verführte und Mitläufer).
Bestätigung des Standpunktes, dass die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts ein Lehrstück für das Erstarken des Rechtsextremismus bleiben (für München siehe auch: Demokratie Initiative GEMEINSAM GEGEN RECHTS von Christian Springer https://www.sueddeutsche.de/muenchen/ukraine-benefiz-christian-springer-lesung-volkstheater-1.5592795.
Erstaunen über den Umgang mit dem NS-Erbe in Weiden - 1975 (!) Straßenbenennung nach Stark - 2009 einstimmige Ablehnung einer Umbenennung - stattdessen Anbringung eines Zusatzschildes über die historische Rolle Starks: antijüdische Publikationen, Mitgliedschaft in der NSDAP, nach dem Krieg vor Gericht gestellt, verurteilt, Urteil später wieder aufgehoben.
Erschrecken über die geradezu als Blaupause für aktuelle politische Entwicklungen geeignete Karriere von J. Stark:
- Erfahrung von Brüchen und Anerkennungsverlusten (trotz Nobelpreis)
- Verschwörungsglaube
- Antisemitismus
- Nationalchauvinismus, völkischer Rassismus
- Autoritarismus.
Registrierung der Zunahme rechtsextremer Einstellungen in der deutschen Gesellschaft im Vergleich 2021/2022 zu 2022/2023
| rechtsextreme Einstellung | Zustimmung 2021/2022 | Zustimmung 2022/2023 |
|---|---|---|
| Verschwörungsglaube | 25,4% | 38,0% |
| Antisemitismus | 1,7% | 5,7% |
| Nationalchauvinismus | 8,6% | 16,6% |
| Befürwortung Diktatur | 2,2% | 6,6% |
(Anteil von Personen, die entsprechenden Einstellungen überwiegend zustimmen oder voll und ganz zustimmen, Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung (Zick, Küpper, and Mokros 2023, p 68-69, 124))
References
Footnotes
Das ursprüngliche Urteil wurde 1949 in einer Berufungsverhandlung in eine Geldstrafe (1000 Mark) umgewandelt.↩︎