Bemerkenswert, dass bereits im Jahr 1951 Samuel S. Wilks anlässlich einer Anspache als Präsident der American Statistical Association auf die Bedeutung von Statistical thinking hinwies.
Statistical thinking will one day be as necessary for efficient citizenship as the ability to read and write! Quote from the presidential address in 1951 of mathematical statistician Samuel S. Wilks (1906 - 1964) to the American Statistical Association found in “JASA”,Vol. 46, No. 253., pp. 1-18. Wilks was paraphrasing Herbert G. Wells (1866 - 1946) from his book “Mankind in the Making”. The full H.G. Wells quote reads: “The great body of physical science, a great deal of the essential fact of financial science, and endless social and political problems are only accessible and only thinkable to those who have had a sound training in mathematical analysis, and the time may not be very remote when it will be understood that for complete initiation as an efficient citizen of one of the new great complex worldwide States that are now developing, it is as necessary to be able to compute, to think in averages and maxima and minima, as it is now to be able to read and write.”
Bemerkenswert auch ein Interview mit Norbert Henze, Professor für Stochastik am Karlsruher Institut für Technologie, das im Oktober 2020 - noch vor der in Deutschland tödlichsten Phase der Covid-19 Pandemie - im SPIEGEL unter dem Titel »Zahlenblindheit ist gefährlich, auch für die Demokratie« erschien:
Machen wir uns nichts vor, schon die genauere Analyse der Reproduktionszahl würde den Schulunterricht überfrachten. Ich wäre schon heilfroh, wenn wir alle Schüler wenigstens mit einem soliden statistischen Grundverständnis entlassen könnten. In den Gymnasien wurde in der Mathematik über Jahrzehnte »intellektuell abgerüstet«, was Inhalte betrifft. Mit dem wenigen Wissen, das jetzt noch vorhanden ist, wird oft durch umfangreiche Textaufgaben, in denen an den Haaren herbeigezogener vermeintlicher Anwendungsbezug verpackt ist, Stoff der Mittelstufe auf Abiturniveau gehoben.
Beispiel aus einer Statistik-Abitur-Aufgabe:
Die Inhaberin einer Losbude beschäftigt einen Angestellten, der Besucher des Volksfestes anspricht, um diese zum Kauf von Losen zu animieren. Sie ist mit der Erfolgsquote des Angestellten unzufrieden. Die Entscheidung über die Gehaltskürzung soll mithilfe eines Signifikanztests getroffen werden. …
Alle mündigen Bürger brauchen eine statistische Grundbildung, sonst sind sie Zahlenverdrehern hilflos ausgeliefert. Ohne eine solche Grundbildung können sie zum Beispiel keine Corona-Statistiken verstehen. […]
Zahlenblindheit und statistisches Analphabentun sind gefährlich, auch für die Demokratie. […]
Ich glaube nicht, dass Corona deutliche Spuren in der Mathecurricula hinterlassen wird. Das fängt schon damit an, dass viele Mathelehrer an der Uni nur oberflächlich mit der Stochastik, der Mathematik des Zufalls, in Berührung kommen, geschweige denn mit der Statistik. Das ließe sich ändern mit einer verpflichtenden, soliden Statistik-Grundausbidung für alle Lehramtsstudenten.
Ein Interview von Hilmar Schmundt 13.10.2020
DER SPIEGEL 42/2020
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/corona-statistiken-zahlenblindheit-ist-gefaehrlich-auch-fuer-die-demokratie-a-00000000-0002-0001-0000-000173444549
Bemerkenswert, dass im Jahr 2023 in PISA 2022 Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland folgendes veröffentlicht wird:
… Darüber hinaus werden bisher im Mathematikunterricht in Deutschland eher nachrangig betrachtete, neue Facetten mathematischer Kompetenz zunehmend relevant, was sich zum Beispiel in einer Betonung des statistischen Denkens manifestiert.
(Lewalter et al. 2023, 29)
Variation als zentralen Bestandteil der Statistik verstehen c In PISA 2022 kommt der Berücksichtigung von Variabilität in realen Datensätzen eine Schlüsselrolle für das mathematische Argumentieren im 21. Jahrhundert zu.[…] Damit typische Fehler im Bereich des statistischen Denkens nicht auftreten, müssen Fünfzehnjährige daher ein ausgeprägtes konzeptuelles Verständnis für Begriffe der Statistik und insbesondere für die Variabilität von Daten haben. National wie international ist der Statistikunterricht jedoch vor allem auf den Erwerb von prozeduralen Wissens ausgerichtet, wodurch Lernende oft ein unzureichendes konzeptuelles Wissen zu Variabilität aufbauen. […]
Die Rahmenkonzeption für mathematische Kompetenz in PISA 2022 verfolgt einen innovativen Ansatz und zeigt, dass konzeptuelles Verstandnis zu Variation als „Herz“ des statistischen Denkens […] altersadäquat diskutiert weden kann.
(Lewalter et al. 2023, 37)
… Freude und Interesse an Mathematik sowie die instrumentelle Motivation der Schülerinnen und Schüler haben sich zwischen 2003 und 2012 kaum verändert, sind jedoch in den letzten zehn Jahren signifikant gesunken. Das heißt, dass die 15-Jährigen heute zum einen weniger Freude und Interesse an dem Fach haben und zum anderen weniger Nutzen darin sehen, Mathematik zu lernen. Ein Beispiel für eine Aussage im Fragebogen: „Ich gebe mir in Mathematik Mühe, weil es mir in meinem späteren Job weiterhelfen wird”. Nur noch ein geringer Teil der Schülerinnen und Schüler erkennt den Wert der Mathematik für den Beruf und den weiteren Lebensweg.
PISA Studienleiterin Prof. Doris Lewalter
https://www.campus-schulmanagement.de/magazin/neuer-pisa-schock-2022-in-deutschland-sind-die-leistungseinbussen-ueberdurchschnittlich-gross
Außerdem wurde in der achten Erhebungsrunde des Programme for International Student Assessment (PISA 2022), als innovative Domäne das kreative Denken erfasst:
… In einer Mehrebenenanalyse zeigte sich, dass Schüler*innen mit höheren Mathematik-, Naturwissenschafts-, oder Lesekompetenzen auch besser gelernt hatten, kreativ zu denken. Es ist von einer wechselseitigen Befruchtung der Kompetenzen auszugehen.
https://www.pisa.tum.de/fileadmin/w00bgi/www/Berichtsbaende_und_Zusammenfassungungen/9783830949190_KREA-open_access.pdf
Die Schlagzeilen zu der am 5.12.2023 veröffentlichten Pisa-Studie konzentrierten sich jedoch auf den internationalen Vergleich und die Verschlechterung im Zeitverlauf.
22 Jahre nach dem ersten Schock, wurde die neue Pisa-Studie veröffentlicht – und die Schülerinnen und Schüler in Deutschland schneiden nochmal schlechter ab als damals. Laut der internationalen Vergleichsstudie verschlechterten sich die bundesweiten Leistungen in den drei untersuchten Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz deutlich. Schwächer hat Deutschland bei Pisa nie abgeschnitten.
Betrachtet man die 35 OECD-Länder liegt Deutschland in Mathematik auf Platz 19.
Entsprechend sind die ersten Reaktionen der bayerischen Staatsregierung auf diese Ergebnisse von PISA 2022:
- In Bayern ist alles anders
Das bayerische Kultusministerium reagierte erstmal zurückhaltend. Ministerin Anna Stolz (Freie Wähler) sagte der Nachrichtenagentur dpa: Die Ergebnisse ließen zunächst nur Rückschlüsse auf Deutschland zu, nicht auf Bayern. Ähnlich äußerte sich Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei seiner Regierungserklärung im Landtag: Er sprach von einem “Schlag ins Gesicht Deutschlands”. In den regionalen Vergleichen stehe Bayern aber “sicherlich deutlich besser da”.
- Die Lösung: Unterrichtstunden verschieben
Ministerpräsident Söder will künftig “wieder richtige Schwerpunkte für die Grundschule setzen” – auf Rechnen, Schreiben und Lesen. Ob im Umkehrschluss aktuell die falschen Schwerpunkte gesetzt werden, sagte Söder in seiner Regierungserklärung nicht. Er kündigte nur an: “Dafür muss halt manch anderes etwas zurückweichen.”
In diesem Zusammenhang war zunächst davon die Rede, die Schulfächer Musik, Kunst und Werken zusammenzulegen. Dazu ein Kommentar unter BR KLASSIK:
Deshalb zeugt der Plan, Musik, Kunst und Werken zu einem einzigen Fach zusammenzulegen, von einer Ignoranz, die wehtut. Weniger singen, um besser zu sprechen – das ist pädagogisch ungefähr so schlau wie der Ratschlag, dass Kinder weniger essen sollten, damit mehr Zeit zum Wachsen bleibt. Irrwitzig. Das Kultusministerium hat offenbar selbst erhebliche Lernprobleme. Singen, malen, basteln – eh wurscht. Können die Schulen entscheiden.
https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/musik-kunst-unterricht-zusammengelegt-pisa-bayern-grundschulen-faecherverbund-kommentar104.html
Die Hinweise aus der PISA Studie auf die Notwendigkeit einer Verbesserung, z.B. des Mathematikunterrichts (Mathematikkompetenz in einer durch Digitalisierung geprägten Welt), mit vielen konkreten Vorschlägen bleiben offensichtlich ungehört.
Aus einem Vortrag am HelmholtzZentrum münchen aus dem vorigen Jahrhundert zur Wahrnehmung von Statistik und zur Rolle des Statistischen Denkens:

Dazu zwei Hinweise auf neuere Bücher aus dem Bereich Statistical Thinking und Modern Statistics, die als online-Versionen frei verfügbar sind,
… und zwei neuere Bücher von David Spiegelhalter (Spiegelhalter 2023), (Spiegelhalter 2024):



